10 Gebote Gottes

Ehre Vater und Mutter: ein Gebot, das heute noch gilt!

Ehre Vater und Mutter: ein Gebot, das heute noch gilt!

2.Mose 20,12

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“

Es gibt Gebote, die klingen wie aus einer anderen Zeit. „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ – das fünfte der Zehn Gebote steht da, eingemeißelt in Stein, überliefert durch Jahrtausende, und doch fragen sich viele heute: Was bedeutet das eigentlich für mich? In einer Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung oft über allem steht, in der therapeutische Aufarbeitung von Familienverletzungen zum guten Ton gehört, in der Generationen manchmal fremd geworden sind – was heißt es da noch, Vater und Mutter zu ehren?

Zunächst einmal: Dieses Gebot ist kein frommer Wunsch, sondern göttliches Gesetz. Es steht nicht zufällig inmitten der Zehn Gebote, jener fundamentalen Ordnung, die Gott seinem Volk am Sinai gab. Die ersten vier Gebote regeln die Beziehung zu Gott selbst, die letzten sechs die Beziehung zum Nächsten. Und genau an dieser Nahtstelle steht das Gebot zur Elternehrung – als Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen der Ehrfurcht vor Gott und dem rechten Umgang mit Menschen. Das ist kein Zufall. In der Familie lernen wir zuerst, was Autorität bedeutet, was Gehorsam, was Treue und Respekt. Die Eltern sind gewissermaßen die ersten Repräsentanten göttlicher Autorität im Leben eines Kindes. Wer nicht lernt, die Eltern zu ehren, wird sich schwer tun, überhaupt Autorität anzuerkennen – auch die des Gottes.

Aber was bedeutet ehren genau? Das hebräische Wort kaved, das hier verwendet wird, trägt die Grundbedeutung von „Gewicht geben“, „schwer machen“, „wichtig nehmen“. Es ist dasselbe Wort, das auch für die Ehre Gottes gebraucht wird. Eltern zu ehren heißt also nicht bloß, sie höflich zu grüßen oder gelegentlich anzurufen. Es bedeutet, ihnen Gewicht zu geben im eigenen Leben, ihre Rolle anzuerkennen, ihre Würde zu respektieren – unabhängig davon, ob sie diese Würde immer verdient haben oder nicht. Das ist der Punkt, an dem es schwierig wird. Denn viele von uns haben Eltern, die versagt haben, die verletzt haben, die abwesend waren oder übergriffig, die selbst zutiefst gebrochene Menschen sind. Wie soll man die ehren?

Die Heilige Schrift ist nicht naiv. Sie kennt die Wirklichkeit zerbrochener Familien. Denken wir an Jakob, der seinen Vater Isaak betrog und seinen Bruder Esau um den Segen brachte – und später selbst Vater wurde von zwölf Söhnen, von denen einige ihn ebenfalls bitter enttäuschten. Denken wir an David, den Mann nach Gottes Herzen, der als Vater so schmerzlich scheiterte, dass sein Sohn Absalom sich gegen ihn erhob. Denken wir an die königlichen Geschlechter Israels, in denen Väter ihre Söhne in Götzendienst und Ungerechtigkeit hineinzogen. Die Bibel verschweigt nichts davon. Und dennoch steht das Gebot. „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“ Es ist übrigens das einzige der Zehn Gebote, das mit einer Verheißung verbunden ist. Paulus greift das im Epheserbrief auf: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. Ehre Vater und Mutter – das ist das erste Gebot mit einer Verheißung –, damit es dir wohl geht und du lange lebst auf Erden“ (Epheser 6,1-3).

Die Verheißung ist keine Manipulation, sondern Zusage. Gott weiß, dass eine Gesellschaft, in der Generationen einander ehren, stabiler, gesünder, menschlicher ist. Wo alte Menschen geachtet werden, wo Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen für die, die ihnen das Leben gaben, da entsteht ein Netz von Beziehungen, das trägt. Das ist nicht romantische Verklärung, sondern schlichte Lebenserfahrung. Wer seine Eltern verachtet, reißt ein Fundament ein – nicht nur in der eigenen Biografie, sondern auch in der Weitergabe von Werten, von Glauben, von kultureller Identität. Das bedeutet nicht, dass wir alles gutheißen müssen, was unsere Eltern getan haben. Es bedeutet nicht, dass wir uns nicht abgrenzen dürften, wo Abgrenzung nötig ist. Aber es bedeutet, dass wir sie nicht entwürdigen, nicht verächtlich machen, nicht ihre Person auslöschen aus unserem Leben, als wären sie nie da gewesen.

Jesus selbst hat dieses Gebot auf radikale Weise bestätigt und zugleich vertieft. Als die Pharisäer und Schriftgelehrten ihn fragten, warum seine Jünger die Überlieferungen der Alten überträten, warf er ihnen vor, dass sie selbst Gottes Gebot außer Kraft setzten. „Gott hat geboten: Ehre Vater und Mutter, und: Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben. Ihr aber sagt: Wer zu Vater oder Mutter spricht: Opfergabe sei, was dir von mir zusteht – der braucht seinen Vater oder seine Mutter nicht mehr zu ehren. So habt ihr Gottes Wort außer Kraft gesetzt um eurer Überlieferung willen“ (Matthäus 15,4-6). Sie hatten eine religiöse Praxis entwickelt, die es erlaubte, Vermögen dem Tempel zu weihen – und damit die Pflicht zu umgehen, für die eigenen Eltern zu sorgen. Jesus nennt das Heuchelei. Ehre zu geben, so macht er klar, ist nicht nur eine innere Haltung, sondern zeigt sich in konkreter Fürsorge.

Gleichzeitig setzt Jesus neue Prioritäten. „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“, sagt er in Matthäus 10,37. Und an anderer Stelle, als man ihm sagte, seine Mutter und seine Brüder stünden draußen und wollten ihn sprechen, antwortete er: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe, das sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“ (Matthäus 12,48-50). Hier wird deutlich: Die Familie nach dem Fleisch ist wichtig, aber sie ist nicht das Letzte. Christus schafft eine neue Familie, die Familie Gottes, in der die Bindung an ihn über allen irdischen Bindungen steht. Das heißt nicht, dass wir unsere leiblichen Eltern gering achten sollen – im Gegenteil. Aber es heißt, dass unsere erste Loyalität Christus gilt. Und manchmal kann das bedeuten, dass wir Wege gehen müssen, die unsere Eltern nicht verstehen, dass wir Entscheidungen treffen, die ihnen wehtun.

Das ist kein Widerspruch zum fünften Gebot, sondern seine Vertiefung. Denn Ehre ist nicht Unterwerfung. Ehre ist nicht, dass ich mein Leben nach den Vorstellungen meiner Eltern ausrichte, dass ich ihre Fehler wiederhole, dass ich ihre unerfüllten Träume für sie leben muss. Ehre ist, dass ich sie als Menschen sehe, mit ihrer Würde und ihren Grenzen, dass ich ihnen dankbar bin für das, was sie mir gegeben haben – und sei es nur das Leben selbst –, dass ich Verantwortung übernehme, wo sie Hilfe brauchen, dass ich ihnen vergebe, wo sie schuldig geworden sind. Vergeben – das ist vielleicht die tiefste Form der Ehre. Nicht vergessen, nicht verharmlosen, aber vergeben. Loslassen, was war, und einen Raum schaffen, in dem Versöhnung möglich wird. Das kann Jahre dauern. Es ist oft ein schmerzhafter Prozess, der uns an unsere eigenen Grenzen führt. Aber es ist der Weg Christi.

Am Kreuz, in den letzten Stunden seines Lebens, denkt Jesus an seine Mutter. Er sieht Maria zu Füßen des Kreuzes stehen, neben dem Jünger, den er liebte. Und er sagt zu ihr: „Frau, siehe, siehe dein Sohn!“ Und zu dem Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ (Johannes 19,26-27). Selbst im Sterben sorgt er für sie, übergibt sie in die Obhut eines anderen, damit sie nicht allein bleibt. Das ist Elternehrung in ihrer reinsten Form – nicht Sentimentalität, sondern konkrete Fürsorge, auch dann, wenn es kostet. Und zugleich ist es ein Bild für die neue Familie, die Christus stiftet. Maria wird zur Mutter des Jüngers, der Jünger wird zu ihrem Sohn. Die Gemeinde wird zur Familie, in der wir einander tragen, gerade auch dort, wo die leibliche Familie zerbrochen ist.

Paulus nimmt den Gedanken auf, wenn er an Timotheus schreibt: Das ist aber eine rechte Witwe, die alleinsteht, die ihre Hoffnung auf Gott setzt und beharrlich fleht und betet Tag und Nacht. Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Heide“ (1. Timotheus 5,5.8). Das ist deutlich. Für die Eltern zu sorgen, wenn sie alt und hilfsbedürftig sind, ist keine Option, sondern Pflicht. Wer sich davor drückt, verrät den Glauben. Das klingt hart, aber es ist heilsam. Denn in einer Zeit, in der wir geneigt sind, unbequeme Pflichten an Institutionen auszulagern, erinnert es uns daran, dass Liebe sich in Taten zeigt, nicht nur in Gefühlen.

Und doch wissen wir: Nicht jeder kann das leisten. Es gibt Situationen, in denen die Beziehung zu den Eltern so vergiftet ist, dass räumliche oder emotionale Distanz notwendig ist, um selbst zu überleben. Es gibt Eltern, die ihre Kinder missbraucht, geschlagen, seelisch zerstört haben. Was dann? Auch hier gilt: Ehre bedeutet nicht, dass ich mich zum Opfer machen muss. Es kann bedeuten, dass ich Grenzen setze, dass ich sage: Ich kann dir nicht nahekommen, solange du dich nicht änderst. Aber selbst dann bleibt die Würde der Eltern bestehen. Sie bleiben meine Eltern, sie bleiben Geschöpfe Gottes, sie bleiben Menschen, für die Christus gestorben ist. Ich darf sie nicht hassen, auch wenn ich mich schützen muss. Das ist ein schmaler Grat, und es gibt kein Patentrezept. Aber es gibt die Gnade Gottes, die uns trägt, auch dort, wo wir an unsere Grenzen kommen.

Das fünfte Gebot bedeutet nicht, dass wir als Kinder alles ertragen müssen. Das Gebot fordert Respekt, nicht Unterwerfung. Es spricht von Ehre, nicht von Selbstaufgabe. Die Bibel verlangt nirgends, dass wir uns Missbrauch, Demütigung oder zerstörerischen Mustern aussetzen. „Ehre Vater und Mutter“ heißt nicht: Lass dir alles gefallen. Es heißt vielmehr: Handle nicht aus Hass, sondern aus Wahrheit und Verantwortung. Manchmal besteht die Ehre gerade darin, klar zu sagen: So nicht. Grenzen zu setzen widerspricht dem Gebot nicht – es kann seine reifste Form sein.

Das fünfte Gebot richtet sich übrigens nicht nur an Kinder, sondern letztlich an alle. Auch als Erwachsene, auch im hohen Alter, bleiben wir Söhne und Töchter. Die Pflicht zur Ehre endet nicht mit der Volljährigkeit. Im Gegenteil: Sie verändert sich, vertieft sich, wird vielleicht erst dann wirklich bedeutsam, wenn die Rollen sich umkehren und wir für unsere Eltern sorgen müssen, wie sie einst für uns sorgten. Das ist der natürliche Kreislauf des Lebens, und er ist gut. In vielen traditionellen Kulturen wird das noch selbstverständlich gelebt. Im Westen haben wir viel davon verloren, und wir zahlen einen hohen Preis dafür: vereinsamte Alte, überlastete Pflegeheime, eine Kultur, die Jugend vergöttert und Alter verachtet. Das ist nicht nur ein soziales Problem, es ist eine geistliche Verarmung.

Das fünfte Gebot verlangt jedoch keine absolute Loyalität. Es fordert keine blinde Gefolgschaft, wie sie in manchen kulturellen oder religiösen Kontexten erwartet wird, selbst dann, wenn Familienstrukturen hart, ungerecht oder grausam sind. Die Bibel kennt keine Loyalität, die Wahrheit verschweigt oder Unrecht deckt. Gott ruft uns nicht dazu auf, familiäre Systeme zu stützen, die zerstören. Ehre bedeutet nicht, dass ich mich moralisch oder geistlich fesseln lasse. Sie bedeutet, dass ich in Freiheit handle, in Verantwortung vor Gott, nicht in Angst vor Menschen. Wo Loyalität zur Lüge wird, verliert sie ihren Wert.

In der Gemeinde sollten wir lernen, Generationen zusammenzuführen. Ältere haben Erfahrung, Weisheit, Geduld – Dinge, die in unserer beschleunigten Welt knapp geworden sind. Jüngere haben Energie, Idealismus, frische Perspektiven. Wir brauchen einander. Paulus schreibt an Titus: „Die alten Männer sollen nüchtern sein, würdig, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld. Ebenso die alten Frauen: Sie sollen sich verhalten, wie es Heiligen geziemt, nicht verleumderisch sein, nicht Sklavinnen des Weines, sondern Lehrerinnen des Guten, damit sie die jungen Frauen anleiten, ihre Männer und Kinder zu lieben“ (Titus 2,2-4). Hier entsteht ein Bild von Gemeinde, in der Generationen einander dienen, in der Alte und Junge voneinander lernen, in der Ehre keine Einbahnstraße ist, sondern ein lebendiger Austausch.

Letztlich führt uns das fünfte Gebot zu Christus selbst. Er ist der vollkommene Sohn, der den Vater vollkommen ehrt. „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat“, sagt Jesus in Johannes 4,34. Und in Johannes 8,29: „Der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ Jesus lebt in absoluter Übereinstimmung mit dem himmlischen Vater. Und er lehrt uns, Gott als Vater anzusprechen: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name“ (Matthäus 6,9). Hier ist die höchste Ehre: dass wir Gott als Vater erkennen, dass wir seinen Namen heilig halten, dass wir seinen Willen tun. Und weil Christus uns zu Kindern Gottes gemacht hat, sind wir aufgerufen, diesen Vater zu ehren – und in seinem Licht auch unsere irdischen Eltern zu sehen, mit all ihrer Unvollkommenheit.

Das fünfte Gebot ist also mehr als eine Familienregel. Es ist ein Grundprinzip göttlicher Ordnung, ein Aufruf zur Dankbarkeit, zur Verantwortung, zur Treue. Es lehrt uns, dass wir nicht aus uns selbst leben, sondern eingebunden sind in ein Netz von Beziehungen, das über uns hinausreicht. Es erinnert uns daran, dass das Leben ein Geschenk ist, das wir durch andere empfangen haben. Und es weist uns hin auf den himmlischen Vater, dem alle Ehre gebührt, von dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat (Epheser 3,15). Ihn zu ehren, aus ihm zu leben, in seiner Gegenwart zu wachsen – das ist das Ziel. Und auf diesem Weg lernen wir auch, unsere irdischen Eltern recht zu ehren: nicht blind, nicht unterwürfig, aber dankbar, vergebungsbereit, verantwortungsvoll. Das ist nicht leicht. Aber es ist der Weg, den Christus uns vorangeht. Und wo wir ihn gehen, da wird das alte Gebot neu, da wird es Leben, da wird es Segen.

Ehre sei Gott allein, dem Ursprung und Ziel unseres Weges. Amen.

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Published by Pater Berndt