Manchmal beginnt ein Gespräch mit einem Satz, der wie ein Stein ins Wasser fällt. „Wir verlieren an Boden“, sagt eine ältere Dame nach dem Gottesdienst, und in ihren Augen liegt Sorge. Sie meint die Kirche, sie meint das Christentum in Deutschland, sie meint die Veränderungen, die sich mancherorts vollziehen, wo islamische Gemeinschaften wachsen und das vertraute Gesicht unserer Gesellschaft sich wandelt. Die Angst ist nicht unberechtigt, doch die Frage, die sich mir als Beobachter und als Mensch stellt, der in der Gegenwart Gottes zu leben sucht, lautet: Was genau verlieren wir? Und wichtiger noch: Was haben wir zu bewahren, und wozu sind wir als Christen berufen, gerade jetzt?
Es ist wahr, dass sich Deutschland verändert. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Kirchenmitgliedschaften sinken, Gottesdienste leeren sich, während gleichzeitig muslimische Gemeinden wachsen und sichtbarer werden. In manchen Stadtteilen prägen Moscheen das Bild, in Schulen wird über das Kopftuch diskutiert, und immer wieder hört man Berichte von Konflikten, wo religiöse Forderungen auf säkulare Ordnungen treffen. Manche sprechen von einem Kulturkampf, und tatsächlich gibt es Spannungen, die nicht zu leugnen sind. Doch bevor wir uns in eine Stimmung hineinreden lassen, die mehr Angst schürt als Wahrheit sucht und uns in Grabenkämpfe begeben, möchte ich innehalten und fragen: Was sagt uns die Heilige Schrift über unsere Haltung in einer Welt, die uns fremd geworden ist?
„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten“ (Matthäus 5,13). Jesus spricht hier zu seinen Jüngern, die eine Minderheit waren in einem römischen Reich, das ihren Glauben weder verstand noch wertschätzte. Sie lebten in einer pluralistischen, oft feindseligen Umgebung. Und doch lautet die Aufforderung nicht: „Zieht euch zurück“ oder „Bekämpft die Anderen“, sondern: „Seid Salz“. Salz bewahrt, Salz würzt, Salz durchdringt. Es wirkt von innen heraus, nicht durch Lautstärke, nicht durch Schwerter, nicht durch Kämpfe, sondern durch Präsenz.
Das Problem, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist nicht primär der Islam. Das Problem ist, dass wir selbst als Christen in Deutschland vielerorts aufgehört haben, Salz zu sein. Unsere Kirchen sind oft müde geworden, unsere Verkündigung zaghaft, unsere Lebensweise kaum noch unterscheidbar von der allgemeinen Kultur. Wenn das Christentum an Gewicht verliert, dann nicht, weil der Islam es verdrängt, sondern weil wir selbst die Kraft der Botschaft Christi nicht mehr mit Überzeugung leben und weitergeben. Die Frage ist also weniger, wie wir den Islam „in seine Schranken weisen“, sondern wie wir selbst wieder zu dem werden, wozu Christus uns berufen hat: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5,14).
Man sieht diese Entwicklung auch in unserer Gegenwart. Wenn in politischen Debatten christliche Werte nur noch als kulturelle Folklore auftauchen, aber kaum noch als gelebte Überzeugung, zeigt das, wie sehr das Salz an Kraft verloren hat. Wenn Parteien aller Couleur zwar von „christlichem Menschenbild“ sprechen, aber gleichzeitig Entscheidungen treffen, die eher von Opportunität als von Gewissen geprägt sind, dann ist das ein Spiegel unserer eigenen geistlichen Schwäche. Und wenn gesellschaftliche Diskussionen über Lebensschutz, Familie, Wahrheit oder Gerechtigkeit fast ohne die Stimme einer klaren, liebevollen, bibelverwurzelten Kirche stattfinden, dann liegt das nicht daran, dass andere Religionen lauter geworden wären, sondern dass wir selbst leiser geworden sind. Die Frage bleibt: Wo ist das Licht, das Christus uns anvertraut hat, sichtbar in unserem Alltag, in unseren Gemeinden, in unserem öffentlichen Zeugnis.
Ein weiteres Problem zeigt sich dort, wo Kirchen aus falsch verstandener Toleranz bereit sind, ihr eigenes Glaubenszeugnis zu verwässern. Wenn aus Rücksicht auf den Islam christliche Symbole zurückgenommen, klare Bekenntnisse abgeschwächt oder gemeinsame Veranstaltungen so gestaltet werden, dass das Evangelium kaum noch erkennbar ist, dann ist das keine echte Ökumene, sondern geistliche Selbstaufgabe. Wenn Weihnachtsmärkte Schritt für Schritt umbenannt werden und die Kirche dazu schweigt; wenn missionarische Abwerbeversuche gegenüber Christen kaum thematisiert werden; wenn aus Angst, „anzuecken“, zentrale Wahrheiten des Glaubens nicht mehr öffentlich ausgesprochen werden – dann entsteht ein Vakuum. Und jedes Vakuum wird gefüllt. Der Islam füllt an vielen Orten schlicht die Lücke, die die Kirchen selbst gelassen haben. Nicht, weil er stärker wäre, sondern weil wir schwächer geworden sind. Wo die Kirche ihre Stimme verliert, wird eine andere Stimme gehört.
Nun zu den Freundschaften. Dürfen Christen Freunde von Muslimen sein? Die Frage klingt fast banal, und doch wird sie gestellt, manchmal mit Argwohn, manchmal mit echter Verunsicherung. Die Antwort der Heiligen Schrift ist eindeutig: Ja. Jesus selbst aß mit Zöllnern und Sündern, mit Menschen, die von der religiösen Elite gemieden wurden. „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten“ (Lukas 5,31-32). Christus schuf Nähe, wo andere Distanz forderten. Er baute Brücken, wo andere Mauern errichteten. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Glauben relativieren oder unsere Überzeugungen aufgeben.
Im Gegenteil: Echte Freundschaft setzt voraus, dass wir wahrhaftig sind, dass wir bezeugen, woran wir glauben, und dass wir den anderen als Menschen achten, der wie wir nach Gott sucht, auch wenn er ihn auf einem anderen Weg zu finden hofft. Paulus schreibt: „Soweit es möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden“ (Römer 12,18). Diese Ermahnung gilt auch im Umgang mit Muslimen. Doch Freundschaft bedeutet nicht Beliebigkeit. Wir dürfen und müssen klar sein in dem, was wir glauben: dass Jesus Christus der einzige Weg zum Vater ist (Johannes 14,6), dass in keinem anderen das Heil ist (Apostelgeschichte 4,12). Diese Wahrheit mit Liebe zu verbinden, das ist die Kunst christlichen Zeugnisses.
Doch genau dieses Bekenntnis offen auszusprechen, erfordert heute großen Mut. Wer klar sagt, dass Christus der einzige Weg ist, wird schnell in die rechte Ecke gedrängt, als intolerant abgestempelt oder als Fanatiker verspottet. In einer Kultur, die jede Wahrheit relativieren möchte, gilt schon die bloße Behauptung einer absoluten Wahrheit als Provokation. Viele Christen schweigen deshalb – aus Angst vor gesellschaftlichem Druck, vor medialer Empörung oder vor dem Vorwurf der „Islamfeindlichkeit“. Doch Wahrheit, die aus Angst verschwiegen wird, verliert ihre Kraft. Und eine Kirche, die aus Furcht vor Missverständnissen ihr eigenes Bekenntnis zurückhält, verliert ihre Stimme. Gerade deshalb braucht es heute Christen, die mit Liebe und Klarheit bekennen, was sie glauben – nicht gegen Menschen, sondern für Christus.
Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, und wir Christen sollten sie verteidigen, denn sie schützt auch uns. Das Grundgesetz gewährt jedem das Recht, seinen Glauben zu bekennen und auszuüben. Das ist richtig so. Doch Freiheit hat Grenzen, und diese Grenzen sind dort, wo die Freiheit des Einzelnen die Freiheit und Würde des Anderen verletzt. Wenn religiöse Überzeugungen dazu führen, dass Frauen unterdrückt werden, dass Andersdenkende bedroht werden, dass demokratische Grundwerte missachtet werden, dann endet die Toleranz. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1). Paulus spricht hier zwar von der Freiheit vom Gesetz, doch das Prinzip gilt auch für unsere gesellschaftliche Ordnung: Freiheit ist kein Freibrief für Unterdrückung. Wir dürfen und müssen von jedem, der in Deutschland lebt, erwarten, dass er die Grundwerte unserer Verfassung respektiert: die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Meinungsfreiheit, die Achtung vor dem Leben, die Trennung von Religion und Staat. Wer diese Werte ablehnt, der kann nicht erwarten, dass wir seine Forderungen tolerieren.
Und doch schweigen die Kirchen oft genau dort, wo ihre Stimme am dringendsten gebraucht würde. Wenn in Teilen des politischen Islam offen von einem Kalifat gesprochen wird, wenn Frauen unter religiösem Druck leiden, wenn christliche Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen bedroht oder ausgegrenzt werden – dann darf das nicht relativiert oder verschwiegen werden. Hier geht es nicht um Religionskritik, sondern um den Schutz der Menschenwürde. Wenn solche Entwicklungen unbeachtet bleiben, haben Staat, Schulen und auch die Kirchen ihre Aufgabe verfehlt. Denn ihre gemeinsame Verantwortung ist es, jeden Menschen zu schützen – unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Eine Kirche, die aus Angst vor Konflikten schweigt, verliert ihre prophetische Stimme. Eine Gesellschaft, die Missstände ignoriert, gefährdet ihre eigenen Grundwerte. Und ein Staat, der nicht klar für Freiheit und Gleichberechtigung eintritt, lässt jene im Stich, die seinen Schutz am meisten brauchen.
Gerade an diesem Punkt wird deutlich, wie gefährlich falsch verstandene Toleranz werden kann. Wenn wir Toleranz so dehnen, dass sie jede Form von Rücksichtslosigkeit, Einschüchterung oder religiös motivierter Unterdrückung duldet, dann verraten wir nicht nur das Evangelium, sondern auch die Grundwerte unseres Landes. Christliche Liebe ist niemals blind. Sie verwechselt Geduld nicht mit Gleichgültigkeit und Sanftmut nicht mit Schweigen. Und genau deshalb müssen wir hinschauen, wo unsere Gesellschaft und auch unsere Kirchen beginnen, aus Angst vor Konflikten wegzusehen. Denn dort, wo Toleranz zur Feigheit wird, wächst das Unrecht im Schutz der Untätigkeit.
Toleranz ist ein schönes Wort, aber es wird oft missverstanden. Toleranz bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen, was uns begegnet. Toleranz bedeutet, dass wir Andersdenken ertragen, auch wenn es uns nicht gefällt, solange es die Grundordnung nicht gefährdet. Doch dort, wo Intoleranz im Namen der Toleranz Raum greift, wo Gewalt gerechtfertigt, wo Hass gepredigt wird, dort endet unsere Duldung. Jesus war sanftmütig, aber er war nicht naiv. Als er die Händler aus dem Tempel trieb, zeigte er, dass es Momente gibt, in denen Klarheit und Entschiedenheit gefordert sind (Johannes 2,13-17). Falsche Toleranz ist keine Tugend, sondern Feigheit. Sie opfert die Schwachen auf dem Altar der political correctness und lässt Unrecht geschehen, weil man Angst hat, als intolerant zu gelten. Das ist nicht christlich. Christliche Liebe ist mutig, sie benennt Unrecht, sie schützt die Wehrlosen, sie sagt die Wahrheit, auch wenn es unbequem ist.
In Deutschland gewinnt politischer Islam an Einfluss, und das stellt Kirche, Staat und Gesellschaft vor ernste Fragen. Gemeint ist nicht der einzelne gläubige Muslim, sondern Strömungen und Akteure, die religiöse Überzeugungen politisieren und damit öffentliche Räume, Schulen oder Nachbarschaften prägen wollen. Wo politische Forderungen erhoben werden, die mit den Grundwerten unserer Verfassung unvereinbar sind, etwa die Ablehnung der Gleichberechtigung, die Einschränkung der Religionsfreiheit anderer oder die Forderung nach alternativen Rechtsordnungen, da ist Wachsamkeit geboten. Wenn solche Positionen in bestimmten Gemeinden, Vereinen oder politischen Netzwerken an Gewicht gewinnen, entsteht ein Spannungsfeld, das nicht allein mit kultureller Sensibilität beantwortet werden kann.
Wo aber sind die, die diese Wahrheit sagen sollten? Wo sind die Politiker, die den Mut haben, klare Kante zu zeigen, ohne in Populismus zu verfallen? Wo sind die Kirchenführer, die ihre Gemeinden stärken, statt sich in interreligiösem Geplänkel zu verlieren? Das Versagen ist offensichtlich. Politik und Kirchen haben vielerorts den Kompass verloren. Sie reden von Dialog, wo Klarheit nötig wäre, sie predigen Toleranz, wo Schutz geboten ist. Sie fürchten den Vorwurf der Islamophobie mehr als die Erosion der eigenen Werte. Das ist bitter, denn es hinterlässt ein Vakuum, das andere füllen: Extremisten auf beiden Seiten, die Angst schüren und Spaltung säen. „Wo keine Weisung ist, wird das Volk wild und wüst; aber wohl dem, der auf die Weisung achtet“ (Sprüche 29,18). Unsere Gesellschaft braucht Orientierung, sie braucht Führung, die den Mut hat, Richtung anzugeben.
Doch auch wir als Christen tragen Verantwortung. Wir können nicht nur auf andere zeigen. Wenn das Christentum in Deutschland schwächer wird, dann liegt das auch an uns. Wie viele von uns leben ihren Glauben nur noch halbherzig? Wie viele Kirchen sind nur noch kulturelle Hüllen ohne geistliches Leben? Wie viele christliche Einrichtungen haben ihren eigentlichen Auftrag vergessen? „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde“ (Offenbarung 3,15-16).
Harte Worte, aber sie treffen den Kern. Wir brauchen eine Erneuerung von innen, eine Rückbesinnung auf das, was Christsein wirklich bedeutet: nicht bloß eine Tradition, sondern eine lebendige Beziehung zu dem lebendigen Gott. Wir müssen unsere Kirchen wieder zu Orten machen, wo Menschen Gott begegnen, wo die Bibel verkündigt wird, wo Gemeinschaft gelebt wird, wo Liebe und Wahrheit Hand in Hand gehen. Wir müssen unsere christlichen Schulen, unsere Kindergärten, unsere Krankenhäuser wieder mit dem Geist Christi erfüllen, nicht als museale Relikte, sondern als lebendige Zeugnisse des Evangeliums.
Doch statt diese innere Erneuerung zu suchen, verlieren sich viele Kirchen heute in Nebenschauplätzen. Man beschäftigt sich ausgiebig mit Genderdebatten, Klimapositionierungen und gesellschaftlichen Trendthemen, während das mutige, klare Predigen des Wortes Gottes immer weiter in den Hintergrund rückt. Vieles davon mag gut gemeint sein, doch es folgt oft mehr dem Zeitgeist als dem Geist Christi. Und dieser Zeitgeist will die Kirche nicht erneuern, sondern entkernen – er will sie zu einer moralischen NGO machen, die brav applaudiert, wenn sie sich selbst relativiert. Dass dies ein Irrweg ist, erkennen viele nicht. Während wir uns in innerkirchlichen Diskursen verlieren, füllen andere die entstandene Lücke: laut, entschlossen, mit klaren Botschaften – und wir Christen stehen daneben und wirken, als hätten wir unseren Auftrag vergessen. Das ist bitter, aber ehrlich: Nicht andere sind unser größtes Problem, sondern unser eigenes Versagen, das Evangelium mit Kraft, Freude und Überzeugung zu leben.
Und dann ist da noch die Frage der Anpassung. Muss sich der Islam dem christlichen Deutschland anpassen? Ja und Nein. Ja, insofern jeder, der hier lebt, die Gesetze und Werte dieses Landes respektieren muss. Wer hier Zuflucht sucht, der darf nicht erwarten, dass sich alles nach ihm richtet. Integration bedeutet, dass man die Sprache lernt, dass man die Kultur kennenlernt, dass man sich einbringt. Das ist kein Verlust von Identität, sondern ein Zeichen von Respekt. Doch Nein, wenn wir meinen, dass Deutschland ein rein christliches Land ist oder sein sollte. Deutschland ist heute ein säkularer Staat mit christlichen Wurzeln, und diese Wurzeln gilt es zu bewahren, nicht durch Zwang, sondern durch Zeugnis. Wir können nicht von Muslimen erwarten, dass sie Christen werden, aber wir können und müssen erwarten, dass sie die Grundordnung achten. Und wir selbst? Wir sind gerufen, so zu leben, dass andere in uns Christus sehen, nicht weil wir perfekt sind, sondern weil wir von ihm verwandelt wurden. „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Johannes 13,35).
Doch genau an diesem Maßstab Jesu wird sichtbar, wie sehr wir als Christen versagt haben. Wenn die Welt an unserer Liebe erkennen soll, dass wir seine Jünger sind, dann müssen wir ehrlich bekennen: Oft sieht sie diese Liebe nicht. Statt Einheit erleben viele Menschen Spaltung; statt Barmherzigkeit Härte; statt gelebter Nächstenliebe Gleichgültigkeit; statt mutigem Zeugnis ein Schweigen, das lauter spricht als Worte. Wir reden über Integration, über Werte, über gesellschaftliche Verantwortung – und doch gelingt es uns oft nicht einmal, in unseren eigenen Gemeinden eine Liebe zu leben, die Menschen zu Christus hinzieht. Wie sollen andere in uns Christus sehen, wenn wir selbst so wenig von ihm widerspiegeln? Diese Glaubwürdigkeit haben wir vielerorts verloren. Und wo wir versagen, entsteht Raum, den andere füllen – nicht weil sie stärker wären, sondern weil wir unser Licht unter den Scheffel gestellt haben.
Und eine besondere Mahnung gilt jenen unter uns Christen, die von einem „christlichen Deutschland“ träumen. So verständlich der Wunsch nach einer geistlich erneuerten Gesellschaft ist – ein christlicher Staat wäre nichts anderes als ein religiöser Staat. Und genau das lehnen wir zu Recht ab, wenn es um islamische Staaten geht, in denen Religion und Politik untrennbar verschmolzen sind. Wie könnten wir etwas fordern, das wir an anderer Stelle kritisieren? Und selbst wenn man diesen Weg gehen wollte: Welche Konfession sollte dann zur Staatsdoktrin werden – katholisch, evangelisch‑lutherisch, freikirchlich? Ein solcher Weg würde nicht Einheit schaffen, sondern neue Spaltungen. Deutschland ist und bleibt aus gutem Grund ein säkularer Staat mit christlichen Wurzeln. Unsere Aufgabe ist nicht, einen religiösen Staat zu errichten, sondern die christlichen Wurzeln unseres Landes wieder glaubwürdig zu leben – durch Zeugnis, Liebe, Wahrheit und ein Leben, das Christus sichtbar macht.
Gewiss: die Zeiten sind herausfordernd! Doch sie sind nicht hoffnungslos. Gott ist größer als unsere Ängste, und sein Reich wird nicht erschüttert. „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Markus 13,31). Unsere Aufgabe ist nicht, die Welt zu retten – das hat Christus bereits getan. Unsere Aufgabe ist, treu zu sein, Salz zu sein, Licht zu sein, Zeugen zu sein. Nicht aus eigener Kraft, sondern in seiner Kraft. Nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung. Nicht mit Hass, sondern mit Liebe.
Soli Deo Gloria – Ihm allein sei die Ehre.