Es gibt Worte Jesu, die uns nicht loslassen, die sich nicht entschärfen lassen, die auch nach zweitausend Jahren ihre ursprüngliche Schärfe behalten. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lukas 9,23). Dieses Wort steht nicht am Rand der Evangelien, es ist keine Option für besonders Fromme oder eine Empfehlung für spirituelle Enthusiasten. Es ist die Mitte, das Zentrum dessen, was Christus von denen erwartet, die ihm nachfolgen wollen. Doch was bedeutet es heute, in unserer Zeit, in unserer Kultur, in unserem alltäglichen Leben, dieses Kreuz zu tragen?
Die Frage ist nicht neu, aber sie stellt sich jeder Generation neu. Wir leben in einer Epoche, in der das Kreuz zum Schmuckstück geworden ist, zur Silhouette auf Kirchturmspitzen, zum Symbol, das wir kennen, aber dessen existenzielle Bedeutung wir oft nur oberflächlich erfassen. Das Kreuz ist entschärft worden, seiner Sperrigkeit beraubt, seiner Radikalität entkleidet; ein Zeichen, das einst Anstoß erregte, heute aber oft nur noch dekoriert. Wir sehen es – aber sehen wir wirklich, was es bedeutet, es zu tragen? Jesus sprach nicht von einem Kreuz, das wir um den Hals hängen, sondern von einem Kreuz, das wir auf unseren Schultern tragen – ein Instrument der Hinrichtung, ein Zeichen der äußersten Erniedrigung, ein Weg, der nicht nach oben führt, sondern scheinbar nach unten.
Zunächst müssen wir begreifen, was das Kreuz für die ersten Hörer Jesu bedeutete. Es war kein religiöses Symbol und keine Metapher für innere Kämpfe. Das Kreuz war brutal real: die römische Hinrichtungsform für Aufrührer, Sklaven und Verbrecher – ein Instrument öffentlicher Demütigung, ein warnendes Exempel für alle. Wer das Kreuz trug, trug es durch die Straßen zum Ort der Hinrichtung. Es war der Weg in den Tod, der Weg in die totale Entehrung. Wenn Jesus also seine Jünger auffordert, ihr Kreuz zu tragen, ruft er sie dazu auf, bereit zu sein, denselben Weg zu gehen wie er: den Weg der völligen Selbsthingabe, auf dem jede Selbstbehauptung, jede Selbstrechtfertigung und jede Selbsterhöhung stirbt.
Und genau hier setzt Jesu Wort an: Das Kreuz zu tragen bedeutet zuerst und vor allem, sich selbst zu verleugnen. Dieses Wort „sich selbst verleugnen“ ist im Deutschen fast verschwunden; es klingt fremd, ja bedrohlich. In einer Kultur, die uns unablässig zuruft, wir sollen uns selbst finden, uns selbst verwirklichen, uns selbst treu bleiben, wirkt die Aufforderung zur Selbstverleugnung wie ein Angriff auf unsere Identität. Doch Jesus meint etwas sehr Konkretes: Es geht nicht darum, die eigene Persönlichkeit auszulöschen oder ein künstliches, frommes Selbst zu konstruieren. Es geht darum, das falsche Zentrum aufzugeben.
Solange ich im Mittelpunkt meines Lebens stehe, solange meine Entscheidungen letztlich um mein Wohlergehen, meinen Vorteil, meine Sicherheit kreisen, kann ich Christus nicht nachfolgen. Selbstverleugnung ist die Abdankung des Ich als Souverän – die Entthronung des eigenen Willens als letzter Instanz, als Maß aller Dinge.
In der Apostelgeschichte sehen wir, wie die ersten Christen genau das verstanden haben. Sie teilten ihren Besitz, stellten die Gemeinschaft über den eigenen Vorteil und riskierten ihr Leben für das Evangelium. Paulus fasst diese Haltung in einem einzigen Satz zusammen: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20). Das ist keine mystische Auflösung der Persönlichkeit, sondern eine radikale Neuordnung der Existenz. Das Zentrum verschiebt sich: Nicht mehr das Ich steht im Mittelpunkt, sondern Christus. Und diese Neuordnung geschieht nicht ein für alle Mal. Jesus betont das kleine, aber entscheidende Wort „täglich“. Täglich sein Kreuz aufnehmen – das ist keine einmalige Entscheidung bei der Bekehrung, sondern eine fortgesetzte Umkehr, eine tägliche Übung, in der das Ich seinen Anspruch auf Souveränität immer wieder ablegt.
Doch wie sieht das konkret aus? Hier müssen wir wachsam sein: Das Kreuz lässt sich leicht auf eine moralische Anstrengung reduzieren oder mit irgendeinem Leiden verwechseln, das uns im Leben begegnet. Manche Christen meinen, ihr Kreuz sei die chronische Krankheit, die sie tragen, die schwierige Ehe, in der sie leben, oder die unbefriedigende Arbeitssituation, die sie erdulden. Gewiss, all das kann Teil unserer Nachfolge sein, und gewiss sollen wir auch in solchen Situationen Christus ähnlicher werden. Aber das Kreuz, von dem Jesus spricht, ist nicht jedes Leiden, das uns zufällig trifft.
Das Kreuz ist das Leiden, das aus der Nachfolge Christi erwächst; das Leiden, das wir auf uns nehmen, weil wir ihm folgen. Es ist nicht das unvermeidliche Leid des Lebens, sondern das freiwillig angenommene Leid der Hingabe: das Risiko, das wir eingehen, die Kosten, die wir tragen, die Ablehnung, die wir erdulden, weil wir uns an Christus binden und seinem Weg treu bleiben.
Jesus selbst trug das Kreuz nicht, weil er krank wurde oder weil ihn ein Unglück traf. Er trug es, weil er dem Willen des Vaters gehorsam war, weil er den Menschen die Wahrheit sagte, weil er sich den Mächten seiner Zeit nicht beugte, weil er die Verlorenen suchte und die Sünder annahm. Sein Kreuz war die direkte Konsequenz seines Gehorsams gegenüber Gott und seiner Liebe zu den Menschen.
Und doch war es mehr als nur Konsequenz: Es war Gottes Plan und Wille. Nicht im Sinn eines blinden Schicksals, sondern als Ausdruck der rettenden Liebe Gottes, der „seinen eigenen Sohn nicht verschont hat“ (Römer 8,32). Das Kreuz war nicht ein tragischer Unfall der Geschichte, sondern der Weg, den der Vater und der Sohn gemeinsam gingen, um die Welt zu erlösen. In Jesus erfüllt sich der Wille Gottes, der nicht den Tod des Sünders will, sondern sein Leben. Darum ist das Kreuz nicht nur das Zeichen des Leidens, sondern das Zeichen der Liebe, die bis ans Ende geht.
Und so ist auch unser Kreuz die Konsequenz unserer Nachfolge. Es entsteht dort, wo wir in einer gefallenen Welt Christus ähnlich werden wollen: wenn wir seine Werte leben, seine Liebe praktizieren, seiner Wahrheit treu bleiben. Das Kreuz ist nicht das zufällige Leid des Lebens, sondern das Leid, das aus der Treue zu Christus erwächst – das, was wir tragen, weil wir ihm folgen.
Das bedeutet, dass das Kreuz viele Gestalten annehmen kann. Für manche ist es der Spott oder die Ablehnung in der eigenen Familie, weil sie Christus nachfolgen. Für andere ist es der berufliche Nachteil, weil sie nicht bereit sind zu lügen oder zu betrügen. Wieder andere tragen das Kreuz in der Erschöpfung des Dienstes an den Armen, in der Einsamkeit einer Gesellschaft, die andere Werte hochhält, oder in der inneren Last, wenn sie sehen, wie weit die Welt von Gottes Willen entfernt ist.
Paulus spricht davon, dass er die „Leidensgemeinschaft mit Christus“ kennenlernen will (Philipper 3,10), und er trägt in seinem Leib die „Malzeichen Jesu“ (Galater 6,17). Das sind keine poetischen Bilder, sondern konkrete Realitäten seiner Nachfolge: Gefangenschaft, Schläge, Hunger, Entbehrung – alles um Christi willen. Sein Leben zeigt: Das Kreuz ist nicht das zufällige Leid des Lebens, sondern das Leid, das aus der Treue zu Christus erwächst. Dort, wo wir seine Wahrheit leben, seine Liebe praktizieren, seine Werte verkörpern, entsteht Widerstand – und genau dort nimmt das Kreuz Gestalt an.
Doch hier müssen wir eine wichtige Unterscheidung treffen. Das Kreuz ist nichts, das wir aktiv suchen sollen. Jesus sagt nicht: „Geht hinaus und sucht euch ein Kreuz.“ Er sagt: „Nehmt euer Kreuz auf euch.“ Das Kreuz kommt zu uns, wenn wir ihm nachfolgen. Manche Christen haben eine ungesunde Vorstellung vom Leiden entwickelt – als wäre Leiden an sich verdienstlich, als würden wir umso heiliger, je mehr wir leiden. Doch das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus litt nicht, weil Leiden gut ist, sondern weil Liebe und Gehorsam ihn ins Leiden führten. Er ging den Weg des Kreuzes, weil er dem Vater treu war und die Menschen liebte. Sein Leiden war nicht Selbstzweck, sondern Frucht seiner Hingabe.
Und so sollen auch wir nicht das Leiden suchen, sondern Christus. Wenn die Nachfolge uns durchs Leiden führt, dann nehmen wir es auf uns – nicht weil das Leiden heilig wäre, sondern weil Christus es wert ist, ihm treu zu bleiben, wohin er uns auch führt.
Das Kreuz zu tragen bedeutet auch, die eigenen Pläne, Träume und Vorstellungen vom Leben Gott zu übergeben. Jesus selbst betete in Gethsemane: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lukas 22,42). Das ist das Gebet dessen, der sein Kreuz trägt: die Bereitschaft, Gottes Willen anzunehmen, auch wenn er unserem eigenen Wunsch widerspricht, auch wenn er durch Schmerz und Verzicht führt.
Wie oft beten wir anders. Wie oft ist unser Gebet im Grunde der Versuch, Gott in unsere Pläne einzuspannen, ihn zu unserem Helfer zu machen, statt uns seinem Willen zu beugen. Wir bitten ihn, unsere Wege zu segnen, statt uns zu fragen, ob es seine Wege sind. Das Kreuz bedeutet, diese Haltung umzukehren. Es bedeutet, Gott nicht in den Dienst unseres Lebensentwurfs zu stellen, sondern unseren Lebensentwurf in den Dienst Gottes. Es bedeutet, das eigene „Ich will“ durch ein „Dein Wille geschehe“ zu ersetzen – nicht aus Resignation, sondern aus Vertrauen. Denn wer sein Kreuz trägt, übergibt die Regie seines Lebens dem Vater, so wie Christus es tat.
In einer Zeit, in der Selbstverwirklichung zum höchsten Gut erklärt wird, in der wir unzählige Möglichkeiten haben, unser Leben zu gestalten, zu wählen, zu optimieren und uns immer wieder neu zu erfinden, wirkt die Botschaft vom Kreuz wie eine Provokation. Sie stellt uns die Frage: Wer ist Herr deines Lebens? Bist du es selbst – oder ist es Christus? Der Zeitgeist sagt uns: Du hast ein Recht auf Glück, auf Erfüllung, auf Selbstbestimmung. Und vieles daran ist nicht falsch. Doch Jesus sagt: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“ (Matthäus‘ 16,25). Das ist das Paradox des Kreuzes: Durch Hingabe gewinnen wir. Durch Sterben leben wir. Durch Dienen herrschen wir.
Das Kreuz stellt unsere Grundannahmen völlig auf den Kopf. Es zeigt uns, dass wahres Leben nicht dort beginnt, wo wir uns selbst verwirklichen, sondern dort, wo wir uns Christus anvertrauen – und ihm erlauben, unser Leben zu formen, zu führen und zu vollenden.
Das klingt wie ein spirituelles Rätsel, aber es ist die grundlegende Struktur des Reiches Gottes. Jesus selbst ist der vollkommene Ausdruck dieser Wahrheit. Er, „der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an“ (Philipper 2,6-7). Er ging den Weg nach unten, den Weg der Demütigung, den Weg des Kreuzes – und gerade dadurch hat Gott „ihn erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist“ (Philipper 2,9). Das ist der Weg, zu dem auch wir berufen sind: der Weg, der durch das Kreuz zur Auferstehung führt, der durch den Tod zum Leben führt.
Es gibt in der Kirchengeschichte unzählige Beispiele von Menschen, die diesen Weg gegangen sind. Dietrich Bonhoeffer schrieb in seinem Buch „Nachfolge“, dass „wenn Christus einen Menschen ruft, er ihn auffordert, zu kommen und zu sterben“. Bonhoeffer wusste, wovon er sprach. Er hatte das bequeme Leben eines Akademikers aufgegeben, um in das von den Nazis beherrschte Deutschland zurückzukehren, weil er dort gebraucht wurde. Er wusste, dass diese Entscheidung ihn in Gefahr brachte, und sie führte letztlich zu seiner Hinrichtung. Das war sein Kreuz, das er bewusst und freiwillig auf sich nahm, weil er Christus mehr liebte als sein eigenes Leben.
Doch nicht jeder ist berufen, als Märtyrer zu sterben. Für die meisten von uns ist das Kreuz alltäglicher, weniger dramatisch, aber nicht weniger real. Es ist die tägliche Entscheidung, nicht dem Weg des geringsten Widerstands zu folgen, sondern dem Weg Christi. Es ist die Entscheidung, zu vergeben, wenn Vergeltung leichter wäre. Es ist die Entscheidung, zu dienen, wenn es angenehmer wäre, bedient zu werden. Es ist die Entscheidung, die Wahrheit zu sagen, wenn eine Lüge bequemer wäre. Es ist die Entscheidung, großzügig zu sein, wenn Geiz natürlicher wäre. Es ist die Entscheidung, treu zu bleiben, wenn Untreue verlockender wäre. All diese Entscheidungen sind kleine Tode, kleine Kreuzigungen des alten Selbst, und genau darum geht es.
Paulus beschreibt diesen Prozess so: „So wahr ihr, liebe Brüder, mein Ruhm seid, den ich in Christus Jesus, unserm Herrn, habe: Ich sterbe täglich.“ (1. Korinther 15,31). Das ist nicht Pessimismus oder Leidensromantik, sondern die realistische Beschreibung dessen, was Nachfolge bedeutet. Täglich muss das alte Ich sterben, täglich müssen die alten Muster durchbrochen werden, täglich muss die Herrschaft des Ego gebrochen werden. Und dieses tägliche Sterben ist kein Ende, sondern ein Anfang. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5,17). Das Kreuz ist nicht das letzte Wort, aber es ist der notwendige Weg zum neuen Leben.
Es ist wichtig zu betonen, dass das Kreuz auch gemeinschaftlich getragen wird. Jesus rief nicht einzelne Individuen, die dann für sich allein ihr Kreuz tragen sollten. Er rief eine Gemeinschaft, die Kirche, den Leib Christi. Wir tragen unsere Kreuze nicht isoliert, sondern gemeinsam. Paulus schreibt: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2). Die christliche Gemeinschaft ist der Ort, an dem wir einander helfen, unsere Kreuze zu tragen, wo wir einander stärken, ermutigen und aufrichten. Simon von Kyrene wurde gezwungen, Jesus zu helfen, sein Kreuz zu tragen (Markus 15,21). Auch wir sind berufen, einander zu helfen, die Lasten zu tragen, die aus der Nachfolge entstehen.
Doch wir müssen ehrlich sein: Eine Gemeinde, die nicht bereit ist, die Lasten ihrer Geschwister zu tragen, steht nicht in der Gemeinschaft mit Christus. Wo wir einander allein lassen, wo wir uns abwenden, wenn das Kreuz schwer wird, wo wir uns weigern, die Mühen, Tränen und Kämpfe anderer mitzutragen, dort verleugnen wir den Leib, zu dem wir gehören. Christus trägt seine Menschen nicht allein – und seine Gemeinde darf es auch nicht. Eine Kirche, die die Kreuze ihrer Glieder nicht mitträgt, hat das Herz ihres Herrn verloren.
In der heutigen westlichen Kultur, in der Christsein oft wenig kostet, müssen wir uns fragen, ob wir überhaupt ein Kreuz tragen. Wenn unsere Nachfolge uns nichts kostet, wenn sie keine Konsequenzen hat, wenn sie unser Leben nicht verändert, dann müssen wir fragen, ob wir wirklich nachfolgen. Jesus sprach nicht zu Teilzeitjüngern oder zu Menschen, die Christsein als Hobby betreiben. Er sprach zu Menschen, die bereit waren, alles aufzugeben. „So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lukas 14,33). Das sind harte Worte, und wir versuchen oft, sie zu relativieren, aber Jesus meinte sie so, wie er sie sagte.
Gleichzeitig müssen wir verstehen, dass das Kreuz nicht etwas ist, das wir aus eigener Kraft tragen können. Hier liegt ein entscheidendes Missverständnis. Das Kreuz ist kein moralischer Kraftakt, keine asketische Leistung, die wir erbringen, um Gott zu beeindrucken. Wir tragen das Kreuz in der Kraft Christi, im Vertrauen auf seine Gnade, im Bewusstsein, dass er bereits das Kreuz getragen hat, dass er den Weg vor uns gegangen ist und mit uns geht. Paulus schreibt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Philipper 4,13). Das ist keine Überheblichkeit, sondern die Erkenntnis, dass die Kraft zum Kreuztragen nicht aus uns selbst kommt, sondern von Christus.
Das Kreuz zu tragen bedeutet auch, bereit zu sein, missverstanden zu werden. Jesus wurde missverstanden von seiner Familie, von den religiösen Führern, von den politischen Machthabern, selbst von seinen eigenen Jüngern. Sie verstanden nicht, was er tat, warum er es tat, wohin sein Weg führte. Und auch wir werden missverstanden werden, wenn wir ihm nachfolgen. Die Welt versteht die Logik des Kreuzes nicht. Sie versteht nicht, warum jemand verzichtet, wenn er haben könnte, warum jemand dient, wenn er herrschen könnte, warum jemand gibt, wenn er nehmen könnte. Paulus nennt die Botschaft vom Kreuz eine „Torheit“ für die, die verloren gehen (1. Korinther 1,18). Aber für uns, die wir gerettet werden, ist sie Gottes Kraft.
Die tiefste Bedeutung des Kreuztragens liegt darin, dass wir Christus ähnlich werden. Das ist das Ziel unserer Nachfolge: nicht einfach bessere Menschen zu werden oder ein moralischeres Leben zu führen, sondern ihm ähnlich zu werden. Paulus schreibt: „Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Römer 8,29). Wir werden Christus ähnlich, indem wir seinen Weg gehen, indem wir sein Kreuz tragen, indem wir sterben und auferstehen in ihm. Das ist ein lebenslanger Prozess, den die Theologie „Heiligung“ nennt, die fortschreitende Transformation in das Bild Christi.
Diese Transformation geschieht nicht durch unsere eigene Anstrengung, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes in uns, während wir im Gehorsam mit Christus gehen. „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist“ (2. Korinther 3,18). Das Kreuz ist das Werkzeug dieser Verwandlung. Durch das Kreuz werden die alten Strukturen der Sünde gebrochen, die alten Muster der Selbstsucht zerstört, die alten Götzen gestürzt. Und in diesem Sterben entsteht Raum für das neue Leben, für die Frucht des Geistes, für die Herrlichkeit Christi in uns.
In einer Zeit, in der so viele nach Bedeutung, nach Sinn, nach Erfüllung suchen, bietet das Kreuz eine Antwort, die radikal anders ist als alles, was die Welt anbietet. Die Welt sagt: Finde dich selbst. Jesus sagt: Verliere dich selbst, und du wirst finden. Die Welt sagt: Nimm, was du kriegen kannst. Jesus sagt: Gib, was du hast. Die Welt sagt: Steig auf. Jesus sagt: Steig hinab. Die Welt sagt: Behaupte dich. Jesus sagt: Verleugne dich. Und in dieser radikalen Umkehrung aller natürlichen Instinkte liegt das Geheimnis des Reiches Gottes.
Das Kreuz zu tragen ist keine Pflicht, die uns auferlegt wird, sondern eine Einladung, die uns angeboten wird. Jesus zwingt niemanden, ihm nachzufolgen. Er lädt ein. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28). Und dann fügt er hinzu: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Matthäus 11,29). Das Joch, das er uns gibt, ist sein eigenes Joch, das Joch der Liebe, des Gehorsams, der Hingabe – und es ist ein leichtes Joch, nicht weil es keine Kosten hat, sondern weil er es mit uns trägt.
Am Ende steht die Verheißung der Auferstehung. Das Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte, es ist die Mitte. Hinter dem Kreuz steht das leere Grab, die Auferstehung, das neue Leben. Jesus ging durch den Tod zum Leben, durch die Dunkelheit zum Licht, durch die Niederlage zum Sieg. Und er verspricht uns dasselbe: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“ (Matthäus 10,39). Das ist keine abstrakte theologische Aussage, sondern eine konkrete Verheißung. Wir werden nicht vergeblich leiden. Wir werden nicht vergeblich sterben. Das Kreuz führt zur Krone, der Tod führt zum Leben, die Selbstverleugnung führt zur wahren Selbstfindung in Christus.
Paulus konnte schreiben: „Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne“ (Philipper 3,8). Das sind die Worte eines Mannes, der verstanden hatte, was das Kreuz bedeutet, der das Kreuz getragen hatte und der die Freude gefunden hatte, die auf der anderen Seite des Kreuzes liegt. Er hatte nicht nur von der Auferstehung gehört, er hatte ihre Kraft erfahren, und diese Erfahrung machte alle Verluste, alle Leiden, alle Opfer bedeutungslos im Vergleich zum Gewinn, Christus zu kennen und ihm ähnlich zu werden.
In unserer Zeit, in der wir so viel besitzen und so wenig bereit sind zu verlieren, in der wir so viel kontrollieren wollen und so wenig bereit sind loszulassen, in der wir so sehr auf unser Recht pochen und so wenig bereit sind zu verzichten, ist die Botschaft vom Kreuz nötiger denn je. Sie ruft uns zurück zum Wesentlichen, zum Zentrum, zu Christus. Sie befreit uns von der Tyrannei des Ich, von der Last der ständigen Selbstbehauptung, von der Erschöpfung der fortwährenden Selbstoptimierung. Sie lädt uns ein, uns selbst loszulassen und Christus zu gewinnen.
Das Kreuz zu tragen im 21. Jahrhundert bedeutet, in einer Kultur der Selbstverwirklichung sich selbst zu verleugnen, in einer Kultur der unbegrenzten Möglichkeiten sich für einen Weg zu entscheiden, in einer Kultur der Selbstdarstellung Christus darzustellen, in einer Kultur des Nehmens zu geben, in einer Kultur des Aufstiegs hinabzusteigen, in einer Kultur der Vergeltung zu vergeben, in einer Kultur der Bequemlichkeit Opfer zu bringen, in einer Kultur der Oberflächlichkeit Tiefe zu suchen, in einer Kultur der Lautstärke still vor Gott zu werden. Es bedeutet, täglich neu zu sagen: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Nicht mein Weg, sondern dein Weg. Nicht meine Ehre, sondern deine Ehre. Nicht ich, sondern Christus.
Und in diesem täglichen Sterben, in diesem täglichen Kreuztragen, in dieser täglichen Nachfolge werden wir verwandelt. Nicht durch unsere Kraft, sondern durch seine Gnade. Nicht durch unsere Anstrengung, sondern durch sein Werk. Nicht durch unsere Gerechtigkeit, sondern durch seine Gerechtigkeit. Das Kreuz ist der Weg – der einzige Weg – zum Leben, zur Freiheit, zur Freude, zu Christus. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“ Das ist die Einladung. Das ist der Ruf. Das ist der Weg. Und am Ende dieses Weges steht er selbst, der Gekreuzigte und Auferstandene, der uns entgegenkommt mit offenen Armen und sagt: Wohl getan, du treuer Knecht. Geh ein zu deines Herrn Freude.
Soli Deo Gloria – Ihm allein sei die Ehre.