10 Gebote Gottes

Du sollst nicht töten: das Gebot, das Leben schützt!

Du sollst nicht töten: das Gebot, das Leben schützt!

2.Mose 20,13

„Du sollst nicht töten. (Du sollst nicht morgen).“

Es gibt Worte, die kurz sind und doch alles verändern. „Du sollst nicht töten“ – sechs Worte im Deutschen, im Hebräischen noch knapper: lo tirtzach. Zwei Worte nur, aber sie ziehen eine Grenze durch die Welt. Auf der einen Seite steht das Leben, auf der anderen der Tod. Und Gott stellt sich unmissverständlich auf die Seite des Lebens. Dieses sechste Gebot ist nicht bloß ein moralischer Appell, nicht nur ein Stück antiker Rechtstradition. Es ist göttliches Gesetz, eingemeißelt in Stein am Sinai, gesprochen aus dem Feuer, verkündet dem Volk, das eben erst aus der Sklaverei befreit worden war. Ein Volk, das Gewalt kannte – die Gewalt der Unterdrücker, die Gewalt des Überlebenskampfes, die Gewalt, die Menschen einander antun, wenn alle Ordnung zerfällt. Und mitten hinein in diese Wirklichkeit spricht Gott: Du sollst nicht töten.

Zunächst müssen wir verstehen, was dieses Gebot meint. Das hebräische Wort ratzach ist spezifischer als das deutsche „töten“. Es bezeichnet das unerlaubte, unrechtmäßige Töten – das, was wir Mord nennen. Es geht nicht um jede Form der Tötung. Die Bibel kennt die Todesstrafe, sie kennt Krieg, sie kennt das Töten von Tieren zum Opfer oder zur Nahrung. All das fällt nicht unter dieses Gebot. Was hier verboten wird, ist das vorsätzliche, eigenmächtige Auslöschen eines Menschenlebens. Es ist das Töten aus Hass, aus Gier, aus Rache, aus Gleichgültigkeit. Es ist die Anmaßung, über Leben und Tod zu verfügen, als wäre man selbst Gott. Denn das Leben gehört nicht uns. Es gehört dem, der es gegeben hat.

Am Anfang, im Garten Eden, schuf Gott den Menschen nach seinem Bild. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Das Ebenbild Gottes – das ist die Würde, die jeden Menschen auszeichnet, vom ersten Atemzug bis zum letzten. Und diese Würde ist unantastbar. Wer einen Menschen tötet, greift nicht nur ein menschliches Leben an, sondern das Bild Gottes in ihm. Nach der Sintflut, als Gott mit Noah einen neuen Anfang macht, bekräftigt er das: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht“ (1. Mose 9,6). Das ist keine Ermutigung zur Blutrache, sondern eine Feststellung der Ordnung: Menschenleben ist heilig, weil es von Gott stammt. Wer es zerstört, zerstört etwas, das ihm nicht gehört.

Aber die Geschichte zeigt, wie schnell diese Ordnung zerbrochen wird. Der erste Mord geschieht in der ersten Familie. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, getrieben von Eifersucht und Zorn. „Und der Herr sprach zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (1. Mose 4,9). Diese Frage – „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ – ist die Urfrage aller Gewalt. Sie ist die Absage an Verantwortung, die Leugnung der Beziehung, die Verweigerung der Liebe. Und Gott antwortet nicht mit Worten, sondern mit einer Konsequenz: „Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde“ (1. Mose 4,10). Das Blut schreit. Es bleibt nicht stumm. Jedes unschuldig vergossene Blut hat eine Stimme vor Gott, und er hört es. Das sollten wir nie vergessen. Keine Tat bleibt verborgen, kein Mord ungesehen. Gott ist Zeuge.

Wäre uns Menschen diese Tatsache bewusst, gäbe es vielleicht weniger Mord und Blutvergießen auf dieser Welt. Doch weil viele Gott aus ihrem Denken verdrängt haben, weil sie nicht mehr an einen lebendigen, heiligen und richtenden Gott glauben, geschieht das Böse oft ohne jede innere Schranke. Wo die Gottesfurcht schwindet, verliert das Gewissen seine Stimme. Und so wächst die Gewalt, weil der Mensch sich selbst zum Maßstab macht und vergisst, dass jeder Schritt gegen das Leben eines anderen ein Schritt gegen den Schöpfer selbst ist.

Das sechste Gebot steht also da als Schutzwall um das Leben. Aber es geht tiefer, als wir oft denken. Jesus selbst hat es in der Bergpredigt noch einmal verschärft. „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig“ (Matthäus 5,21-22). Hier erweitert Jesus das Gebot von der Tat zur Haltung. Es geht nicht nur um das physische Töten, sondern um alles, was Leben zerstört: der Zorn, die Verachtung, das böse Wort. Wer seinen Bruder verachtet, hat ihn im Herzen schon getötet. Wer ihn mit Worten erniedrigt, tastet seine Würde an. Das ist nicht harmlos. Es ist der Same des Mordes.

Wenn Jesus hier vom „Bruder“ spricht, meint er nicht nur den leiblichen Bruder und auch nicht ausschließlich den Glaubensbruder. Er meint den Menschen, der mir gegenübersteht – den Nächsten, den Gott mir in den Weg stellt. Jeder Mensch trägt Gottes Ebenbild, und darum ist jeder Mensch in diesem Sinn mein Bruder. Und wie oft tragen wir in uns Groll, Bitterkeit, stille Verachtung oder sogar heimlichen Hass gegen jemanden. Wir reden uns ein, das sei harmlos, weil wir ja niemanden töten. Doch Jesus deckt auf, wie tief die Wurzel reicht: Der Mord beginnt im Herzen. Wer den anderen innerlich abschreibt, wer ihn verachtet oder ihm das Menschsein abspricht, der hat die Grenze schon überschritten. Wenn wir das ernst nehmen, müssten wir erschrecken – denn dann erkennen wir, wie oft wir selbst vor Gott als Mörder dastehen.

Johannes greift diesen Gedanken in seinem ersten Brief auf: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger, und ihr wisst, dass kein Totschläger das ewige Leben bleibend in sich hat“ (1. Johannes 3,15). Hass ist Mord im Keim. Er mag nicht die Hand erheben, aber er tötet die Beziehung, er tötet die Liebe, er tötet etwas in der eigenen Seele. Und umgekehrt zeigt Johannes, was das Gegenteil des Tötens ist: „Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen“ (1. Johannes 3,16). Leben geben, nicht nehmen – das ist der Weg Christi. Das ist das Gebot in seiner positiven Erfüllung.

Aber zurück zur harten Wirklichkeit. Was ist mit Krieg? Was ist mit Selbstverteidigung? Was ist mit der Todesstrafe? Die Heilige Schrift gibt keine einfachen Antworten, aber sie gibt Prinzipien. Im Alten Testament ist der Krieg manchmal geboten – nicht aus Lust am Töten, sondern als Gericht Gottes über gottlose Völker oder als Verteidigung gegen Vernichtung. Aber selbst dort gibt es Regeln. In 5. Mose 20 finden wir Anweisungen für den Kriegsfall: Man soll den Feinden zunächst Frieden anbieten, man soll die Fruchtbäume nicht zerstören, man soll Ängstliche nach Hause schicken. Krieg wird nicht verherrlicht. Er wird begrenzt, eingehegt, humanisiert, so gut es geht. Und die Propheten sehnen sich nach dem Tag, an dem Krieg ein Ende hat: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Jesaja 2,4).

Die Frage der Selbstverteidigung ist komplexer. Jesus sagt: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ (Matthäus 5,39). Bedeutet das, dass wir uns nie wehren dürfen? Die meisten Ausleger sagen: Nein. Es geht um persönliche Beleidigung, nicht um Verteidigung von Leib und Leben. Es gibt ein Recht, sich und andere zu schützen. Aber es gibt kein Recht auf Rache. Das ist der Unterschied. Paulus schreibt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr (Römer 12,19). Die Rache gehört Gott. Wir dürfen uns schützen, aber wir dürfen nicht zum Richter werden.

Und die Todesstrafe? Das Alte Testament kennt sie für verschiedene Vergehen: Mord, Ehebruch, Götzendienst, sogar für das Fluchen über die Eltern. Aber es gibt auch erstaunliche Differenzierungen. In 4. Mose 35 wird unterschieden zwischen vorsätzlichem Mord und fahrlässiger Tötung. Wer jemanden aus Versehen tötet, kann in eine Zufluchtsstadt fliehen und ist dort geschützt vor der Blutrache. Das zeigt: Gott ist gerecht. Er unterscheidet zwischen Absicht und Unfall, zwischen Schuld und Unglück. Und Jesus? Er hebt die Todesstrafe nicht ausdrücklich auf, aber er vergibt der Ehebrecherin, die nach dem Gesetz gesteinigt werden sollte. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ (Johannes 8,7). Niemand wirft. Und Jesus sagt: „Auch ich verdamme dich nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr (Johannes 8,11). Hier siegt die Gnade. Hier wird deutlich, dass Gottes Herz nicht am Tod des Sünders hängt, sondern an seiner Umkehr. „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe“ (Hesekiel 33,11).

Die Frage nach der Todesstrafe bleibt damit ernst und schwer. Ist sie erlaubt – oder ist sie Mord? Die Bibel zeigt: Gott verabscheut das Blutvergießen, aber er kennt zugleich die Verantwortung des Staates, das Böse zu begrenzen (vgl. Römer 13). Doch selbst dort wird nicht gefordert, dass der Staat töten muss. Das Neue Testament verschiebt den Schwerpunkt: Nicht Vergeltung, sondern Umkehr; nicht Strafe, sondern Rettung; nicht Tod, sondern Leben. Jesus selbst verhindert eine Steinigung und zeigt damit, dass Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit nicht Gottes Herz widerspiegelt. Darum bleibt die Todesstrafe für Christen ein Grenzfall: Sie ist nicht automatisch Mord, aber sie widerspricht dem Geist dessen, der gekommen ist, „zu suchen und zu retten, was verloren ist“. Wo Gnade möglich ist, verliert der Tod seine Berechtigung.

Das sechste Gebot fordert uns also heraus, über das offensichtliche Töten hinauszudenken. Es gibt viele Formen, Leben zu zerstören. Es gibt den Mord mit Worten – die Verleumdung, die einen Ruf tötet, eine Existenz vernichtet. Es gibt den Mord durch Unterlassung – wenn wir zusehen, wie Menschen verhungern, verdursten, in Not umkommen, und wir könnten helfen, tun es aber nicht. Jakobus schreibt: „Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft’s?“ (Jakobus 2,15-16). Gleichgültigkeit kann töten. Untätigkeit kann Mord sein.

Gilt das auch für Tiere? Oder macht Gott hier eine Unterscheidung? Die Heilige Schrift zeigt klar: Ja, Gott unterscheidet. Das sechste Gebot richtet sich ausdrücklich auf den Menschen, weil der Mensch als einziger „im Bilde Gottes“ geschaffen ist (1. Mose 1,27). Darum hat menschliches Leben eine einzigartige, unvergleichliche Würde. Und doch bedeutet das nicht, dass Tiere wertlos wären. Im Gegenteil: Gott sorgt für sie, er erhält sie, er sieht ihr Leid (vgl. Jona 4,11; Psalm 36,7). Grausamkeit gegen Tiere ist Sünde, weil sie Gottes Schöpfung verachtet. Aber sie ist nicht dasselbe wie Mord. Mord ist die vorsätzliche Vernichtung eines Menschenlebens – eines Wesens, das Gottes Ebenbild trägt. Tierquälerei ist Schuld, aber sie verletzt nicht das sechste Gebot im engeren Sinn. Dennoch bleibt sie ein Zeichen eines verhärteten Herzens, das die Güte des Schöpfers missachtet.

Es gibt auch den Mord an der Seele. Jesus sagt: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“ (Matthäus 10,28). Es gibt eine Zerstörung, die schlimmer ist als der physische Tod: der geistliche Tod, die Verführung zum Bösen, das Löschen des Glaubens in einem Menschen. Wer ein Kind zum Bösen verleitet, wer einen Schwachen zum Stolpern bringt, der begeht eine Form des Mordes. „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist“ (Matthäus 18,6). Das sind harte Worte. Aber sie zeigen, wie ernst Gott es meint mit dem Schutz des Lebens – des leiblichen und des geistlichen.

Wenn Jesus von der „Zerstörung der Seele“ spricht, macht er deutlich, dass es eine Verantwortung gibt, die weit über das Sichtbare hinausreicht. Der Mensch kann den Leib verletzen, aber nur Gott hat Macht über das ewige Leben. Und doch können wir Menschen einander geistlich schaden: durch Verführung, durch falsche Lehre, durch ein Vorbild, das andere vom Glauben wegzieht. Wer einem Schwachen den Glauben raubt oder ein Kind in die Irre führt, greift nicht nur ein Leben an, sondern eine Ewigkeit. Darum spricht Jesus so scharf. Er zeigt: Geistlicher Schaden ist kein „kleineres Übel“, sondern eine Form des Mordes an der Seele. Gott nimmt das ernst, weil er jeden Menschen zur Wahrheit und zum Leben berufen hat – und weil nichts kostbarer ist als ein Herz, das ihm vertraut.

Und dann ist da noch die schwierigste Frage unserer Zeit: Was ist mit dem ungeborenen Leben? Das sechste Gebot sagt nichts direkt über Abtreibung, weil es das Wort dafür im alten Israel nicht gab. Aber das Prinzip ist klar. Das Leben im Mutterleib ist Leben. David schreibt: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war“ (Psalm 139,16). Gott kennt den Menschen, bevor er geboren ist. Gott sprach zu Jeremia: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest“ (Jeremia 1,5). Wenn Gott das ungeborene Kind kennt, dann ist es Person, nicht bloß Zellhaufen. Dann hat es Würde. Dann steht es unter dem Schutz dieses Gebots. Das bedeutet nicht, dass wir Frauen verurteilen, die abtreiben. Oft geschieht es aus Verzweiflung, aus Angst, aus Not. Aber es bedeutet, dass wir klar benennen: Abtreibung ist Töten. Abtreibung ist Mord! Und als Gemeinde sind wir gerufen, Leben zu schützen, Alternativen zu bieten, Mütter in Not zu unterstützen, nicht nur zu verbieten, sondern zu helfen.

Aber das Gebot geht noch weiter. Es schließt auch das eigene Leben ein. Selbstmord ist Mord – Mord an sich selbst. Auch unser eigenes Leben gehört uns nicht. Paulus schreibt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe“ (1. Korinther 6,19-20). Wir sind gekauft, erlöst, geheiligt. Unser Leben ist nicht unser Privateigentum. Es ist Gottes Eigentum, anvertraut uns zur Verwaltung. Wer sich selbst tötet, nimmt sich etwas, das ihm nicht gehört. Das klingt hart, und es ist wichtig zu sagen: Menschen, die sich das Leben nehmen, sind oft zutiefst verzweifelt, krank, am Ende ihrer Kräfte. Wir dürfen sie nicht verurteilen. Aber wir dürfen auch nicht schweigen zu der Wahrheit, dass Selbstmord nicht der Ausweg ist, den Gott will. Er will Leben. Er will Heilung. Selbst dort, wo wir keinen Ausweg sehen, kennt er einen.

Gerade deshalb müssen wir mit großer Behutsamkeit über Selbstmord sprechen. Viele, die an diesen Punkt kommen, sind nicht kalt entschlossen, sondern zutiefst verwundet, innerlich zerbrochen, von Dunkelheit umhüllt. Gott sieht ihre Tränen, ihre Verzweiflung, ihre Erschöpfung. Er verurteilt nicht den, der unter einer Last zusammenbricht, die kein Mensch tragen kann. Er ist der Gott, der „den Zerbrochenen nahe ist und die Zerschlagenen im Geist rettet“ (Psalm 34,19). Darum dürfen wir niemanden verdammen, sondern sollen hinsehen, zuhören, mittragen, Hoffnung aussprechen. Selbst dort, wo ein Mensch keinen Funken Licht mehr sieht, ist Gott nicht fern. Sein Herz schlägt für die Verwundeten, und seine Hand bleibt ausgestreckt – selbst in der tiefsten Nacht.

Christus ist das Ja Gottes zum Leben. Er kam, „damit sie das Leben haben und volle Genüge“ (Johannes 10,10). Aber er kam auch, um zu sterben. Das Paradox des Evangeliums ist, dass der Schöpfer des Lebens den Tod auf sich nimmt. Er lässt sich töten – nicht weil er schwach ist, sondern weil er liebt. „Niemand nimmt mir mein Leben, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen“ (Johannes 10,18). Sein Tod ist kein Mord, sondern Opfer. Er gibt sein Leben freiwillig, um unser Leben zu retten. Und darin erfüllt er das sechste Gebot in seiner tiefsten Dimension: Leben wird nicht genommen, sondern gegeben. Das ist die Logik des Reiches Gottes. Nicht Gewalt, sondern Hingabe. Nicht Töten, sondern Sterben für den anderen.

Und dann – die Auferstehung. Am dritten Tag steht er auf. Der Tod ist besiegt. Das Leben triumphiert. Paulus jubelt: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1. Korinther 15,54-55). Christus hat dem Tod die Macht genommen. Und wer an ihn glaubt, hat das ewige Leben. Das heißt nicht, dass wir nicht sterben werden. Aber es heißt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das Leben hat das letzte Wort. Und deshalb kämpfen wir für das Leben – hier und jetzt, in dieser Welt, in jedem Menschen, den wir treffen. Wir schützen es, wir fördern es, wir dienen ihm. Nicht weil wir das Leben vergötzen, sondern weil wir den Geber des Lebens ehren.

Das sechste Gebot ist also nicht nur Verbot, sondern Auftrag. Es ruft uns auf, Hüter unseres Bruders zu sein – im Gegensatz zu Kain. Es ruft uns auf, Leben zu bewahren, zu heilen, zu fördern. Das kann bedeuten, einen Streit zu schlichten, einem Verzweifelten zuzuhören, einem Hungrigen zu essen zu geben, einem Einsamen Gesellschaft zu leisten. Es kann bedeuten, für Gerechtigkeit einzutreten, gegen Gewalt aufzustehen, die Schwachen zu schützen. Es kann bedeuten, Vergebung zu üben, wo Hass ist, Frieden zu stiften, wo Feindschaft herrscht. All das ist Gehorsam gegen das sechste Gebot. Denn wer Leben schützt, tut Gottes Willen. Wer Liebe übt, erfüllt das Gesetz.

Paulus fasst es zusammen: „Die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Römer 13,9-10). Liebe tötet nicht. Liebe gibt Leben. Und wo wir lieben, da erfüllen wir das Gebot – nicht aus Zwang, sondern aus der Kraft dessen, der uns zuerst geliebt hat.

Ehre sei Gott allein, dem Ursprung und Ziel unseres Weges. Amen.

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Published by Pater Berndt