BloggerMarkus

Der Ruf am See: Wenn Gott in dein Leben tritt!

LutheranerWritten by:

Bbbbilder (1)

Gott wählt das Verachtete, das Übersehene, das Unbedeutende, um seine Herrlichkeit zu offenbaren.

Markus 1,14-20

“Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.”

Es gibt Tage, die beginnen wie jeder andere und enden mit einer völlig veränderten Welt. Tage, an denen das Gewöhnliche zum Außergewöhnlichen wird, an denen eine Begegnung, ein Wort, ein Ruf alles auf den Kopf stellt. So ein Tag bricht an am Galiläischen Meer. Die Sonne steigt über den Horizont, das Wasser glitzert im Morgenlicht, und entlang des Ufers beginnt das vertraute Treiben der Fischer. Netze werden ausgeworfen, geflickt, geprüft. Der Geruch von Fisch und Seetang liegt in der Luft. Es ist ein Arbeitstag wie unzählige zuvor. Doch dann kommt einer den Strand entlang, und nichts wird mehr sein wie zuvor. Sein Name ist Jesus. Seine Botschaft ist das Evangelium Gottes. Und sein Ruf wird Leben für immer verändern.

Markus berichtet mit seiner charakteristischen Dringlichkeit: „Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes.” Diese scheinbar nüchterne Zeitangabe trägt schwer an Bedeutung. Johannes der Täufer, der Wegbereiter, der Prophet, der die Ankunft des Messias ankündigte, ist verstummt. Herodes Antipas hat ihn verhaften und ins Gefängnis werfen lassen, weil Johannes die unrechtmäßige Ehe des Herrschers öffentlich angeprangert hatte. Der mutige Rufer in der Wüste schweigt nun in den Kerkern der Machala-Festung. Das Licht, das den Weg erhellte, scheint erloschen.

Doch genau in diesem Moment tritt Jesus hervor. Nicht als einer, der wartet, bis die Verhältnisse günstig sind, bis die politische Lage sich beruhigt hat, bis die Verfolgung vorbei ist. Nein, gerade jetzt, da der Täufer gefangen ist, da die Dunkelheit sich verdichtet, beginnt Jesus seinen öffentlichen Dienst. Das ist die Art und Weise Gottes. Er kommt nicht, wenn wir meinen, die Zeit sei günstig. Er kommt, wenn seine Zeit erfüllt ist. Und oft ist das genau dann, wenn uns die Umstände hoffnungslos erscheinen, wenn die Türen zugeschlagen scheinen, wenn wir denken, dass nichts mehr geschehen kann. Gerade dann bricht Gott herein.

Jesus geht nach Galiläa. Nicht nach Jerusalem, nicht ins religiöse und politische Zentrum. Galiläa war eine Randprovinz, von den frommen Juden in Judäa oft verachtet als das „Galiläa der Heiden”. Es war ein Gebiet mit gemischter Bevölkerung, durchzogen von Handelsstraßen, geprägt von römischer Besatzung und kultureller Vielfalt. Hier, am Rande, nicht im Zentrum, beginnt Jesus seinen Dienst. Der Prophet Jesaja hatte es vorausgesagt: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell” (Matthäus 4,16, zitiert aus Jesaja 9,1). Galiläa, das Land im Schatten, wird zum Ort der Offenbarung.

Gott wählt das Verachtete, das Übersehene, das Unbedeutende, um seine Herrlichkeit zu offenbaren.

Und Jesus predigt. Das Wort, das Markus hier verwendet, ist „keryssein”, heroldhaft verkündigen, öffentlich ausrufen wie ein Bote des Königs. Jesus ist der Herold Gottes, und seine Botschaft ist das Evangelium, die gute Nachricht. Nicht Philosophie, nicht religiöse Spekulation, nicht moralische Belehrung, sondern Evangelium: frohe Botschaft von Gott für Menschen, die sie bitter nötig haben.

Was ist diese Botschaft? Jesus fasst sie in einem einzigen Satz zusammen, der die Geschichte teilt: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!” Vier Aussagen, jede von ihnen trägt das Gewicht der Ewigkeit.

„Die Zeit ist erfüllt.” Das griechische Wort für Zeit hier ist „kairos”, nicht „chronos”. Chronos ist die fortlaufende Zeit, die Minuten und Stunden, die verstreichen. Kairos ist der rechte Zeitpunkt, der erfüllte Moment, die von Gott gesetzte Stunde. Seit Jahrhunderten hatte Gott durch die Propheten geredet. Seit Generationen hatte sein Volk auf den Messias gewartet. Jetzt ist die Stunde da. Jetzt ist der Moment gekommen. Paulus wird später schreiben: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste” (Galater 4,4-5). Die Verheißungen der Schrift, die Sehnsucht der Jahrhunderte, der Plan Gottes von Anbeginn der Welt. Alles findet in diesem Augenblick seine Vollendung. Jesus sagt: Die Wartezeit ist vorbei. Die Erfüllung ist da. Ich bin da.

„Das Reich Gottes ist herbeigekommen.” Das war die zentrale Botschaft Jesu, das große Thema seiner Verkündigung. Das Reich Gottes, die Königsherrschaft Gottes, ist nicht mehr ferne Zukunft, sondern gegenwärtige Realität. In Jesus bricht das Reich Gottes in diese Welt ein. Wo er ist, da herrscht Gott. Wo er spricht, da geschieht Gottes Wille. Wo er heilt, da manifestiert sich Gottes Macht. Das Reich Gottes ist kein irdisches Königreich mit Grenzen und Armeen. Jesus wird später vor Pilatus sagen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt” (Johannes 18,36). Es ist eine geistliche Wirklichkeit, die dennoch konkret und mächtig in diese Welt hineinwirkt. Es ist die Herrschaft Gottes über Herzen, über Leben, über Schicksale. Und es ist nahe gekommen in der Person Jesu Christi.

Aber diese gute Nachricht erfordert eine Antwort. Jesus sagt: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!” Buße, griechisch „metanoia”, bedeutet wörtlich „Sinnesänderung”, Umkehr, eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Lebens. Es ist nicht nur Bedauern über begangene Sünden, obwohl das dazugehört. Es ist eine grundlegende Wende, ein Abkehren von sich selbst und ein Hinkehren zu Gott. Jesus ruft zur Buße auf, weil wir sie brauchen. Wir alle haben uns von Gott abgewandt, haben unseren eigenen Weg gewählt, haben gelebt, als ob wir selbst die Herren unseres Lebens wären. Paulus schreibt: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten” (Römer 3,23).

Die Buße ist die ehrliche Anerkennung dieser Tatsache und die bewusste Entscheidung, umzukehren, Jesus nachzufolgen, sein Leben nach Gottes Willen auszurichten.

Doch wie oft reden wir von Buße, ohne sie wirklich zu meinen. Wie oft geloben wir Jesus einen neuen Weg, einen Sinneswandel, ein anderes Herz — und bleiben doch in den alten Spuren. Wir kennen die Worte, aber unser Leben widerspricht ihnen. Wir entschuldigen uns mit Müdigkeit, Lebensumständen, Verletzungen, mit allem, was uns gerade einfällt. Und während wir reden, bleibt unser Herz unberührt. Buße wird zur Floskel, nicht zur Wende. Doch Christus ruft uns nicht zu schönen Worten, sondern zu einem echten Umkehren: weg von den Ausreden, hin zu ihm.

Und Jesus sagt: „Glaubt an das Evangelium!” Buße und Glaube gehören zusammen wie zwei Seiten einer Münze. Buße ist das Abwenden vom Falschen, Glaube ist das Hinwenden zum Richtigen. Glaube ist Vertrauen, ist sich ausliefern, ist sich verlassen auf das, was Gott in Christus getan hat. Es ist nicht nur ein intellektuelles Fürwahrhalten, sondern ein existenzielles Sich-Anvertrauen. Martin Luther hat es so ausgedrückt: Glaube ist, sich an Christus hängen „wie die Klette am Rocke”. Es ist eine persönliche, lebendige Beziehung zu dem lebendigen Christus.

Doch wie viele bekennen heute den Namen Jesu, ohne eine lebendige Beziehung zu ihm zu haben. Man nennt sich Christ, aber das Herz bleibt fern. Man spricht von Glauben, doch lebt nicht aus ihm. Man hält an Formen fest, aber meidet die Hingabe. Viele tragen den Namen, aber nicht das Kreuz; sie reden von Christus, ohne sich ihm wirklich anzuvertrauen. Doch Glaube ist mehr als ein Etikett; er ist ein Leben, das an Christus hängt, Tag für Tag, Stunde um Stunde.

Diese Botschaft verkündigt Jesus am See Genezareth, und während er am Ufer entlanggeht, sieht er Menschen. Markus erzählt es mit wenigen, prägnanten Strichen: „Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer.” Das ist keine zufällige Begegnung. Jesus sieht sie. Sein Blick fällt auf diese beiden Männer, die ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen. Simon, der später Petrus genannt werden wird, und sein Bruder Andreas. Zwei Fischer, Männer mit rauen Händen, gebräunt von der Sonne, gekleidet in einfache Gewänder. Sie gehören nicht zur Elite, nicht zu den Schriftgelehrten, nicht zu den Priestern. Sie sind einfache Arbeiter, die ihr Brot mit harter körperlicher Arbeit verdienen.

Fischer zu sein am See Genezareth war kein romantischer Beruf. Es war anstrengende, oft undankbare Arbeit. Nachts ausfahren, die Netze auswerfen, hoffen, dass der Fang gut ist, am Morgen zurückkehren, die Netze reinigen, flicken, die Fische verkaufen. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Es war ein Leben in Abhängigkeit von Wetter und Fangglück, ein Leben ohne große Aussicht auf Reichtum oder Ansehen. Und doch waren Simon und Andreas treue, verlässliche Männer, die ihre Arbeit taten, ihre Familie ernährten, ihr Handwerk verstanden.

Jesus sieht sie. Und in diesem Sehen liegt bereits die Erwählung. Gott sieht nicht wie Menschen sehen. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an” (1. Samuel 16,7). Jesus sieht in Simon und Andreas nicht nur Fischer. Er sieht, was sie werden können, wozu er sie berufen hat, welche Rolle sie in seinem Reich spielen werden. Und er ruft sie.

„Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!” Diese Worte sind von einer atemberaubenden Einfachheit und zugleich von ungeheurer Tiefe. „Folgt mir nach.” Nicht: „Studiert meine Lehre.” Nicht: „Befolgt diese Regeln.” Nicht: „Tretet dieser Organisation bei.” Nicht: “Studiert erst Theologie.” Sondern: „Folgt mir.” Das ist der Kern der Jüngerschaft. Es geht um eine Person. Es geht um Jesus. Ihm nachfolgen bedeutet, mit ihm zu gehen, wohin er geht. Bei ihm zu sein, wo er ist. Von ihm zu lernen, wie er lehrt. Sein Leben zu teilen, seine Mission zu der eigenen zu machen.

Und heute? Statt Jesus einfach nachzufolgen, verlieren wir uns oft in endlosen Diskussionen: Welcher Weg der richtige ist, welche Konfession wichtiger, welche Bibelübersetzung die beste, welche Form der Frömmigkeit die gültige. Wir reden über Nachfolge, aber folgen nicht. Wir wägen ab, prüfen, debattieren — während Jesus längst weitergeht. Viele sitzen bequem in ihren Sesseln, während der Herr mit seinen wahren Jüngern vorbeizieht. Nachfolge geschieht nicht im Grübeln, sondern im Gehen; nicht im Theoretisieren, sondern im Gehorsam.

Und Jesus gibt eine Verheißung: „Ich will euch zu Menschenfischern machen.” Er nimmt ihr Handwerk, ihre Erfahrung, ihre Fähigkeiten und gibt ihnen eine neue Bestimmung. Sie waren Fischer, die Fische fingen. Sie werden Menschenfischer sein, die Menschen für das Reich Gottes gewinnen. Jesus ruft Menschen nicht aus ihrem Leben heraus ins Nichts, sondern er verwandelt ihr Leben, gibt ihm neue Bedeutung, neue Richtung, neues Ziel. Was sie waren, wird nicht weggeworfen, sondern aufgenommen und geheiligt für einen höheren Zweck.

Die Antwort der beiden Männer ist verblüffend: „Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.” Sogleich. Ohne Zögern, ohne langes Überlegen, ohne Bedingungen, ohne Diskussionen. Sie lassen die Netze fallen, die Werkzeuge ihres Lebensunterhalts, und folgen diesem Mann, den sie vielleicht schon gehört hatten, von dem sie vielleicht schon Zeugnis erhalten hatten, der sie nun persönlich ruft. Was für ein Glaube! Was für eine Bereitschaft, alles loszulassen für den, der ruft!

Und wir? Was tun wir, wenn der Ruf Jesu an uns ergeht? Lassen wir unsere „Netze“ fallen — unsere Sicherheiten, unsere Gewohnheiten, unsere selbstgebauten Lebenspläne? Oder halten wir sie fest, als könnten sie uns retten? Wie oft hören wir seinen Ruf, aber verschieben die Antwort auf später. Wie oft spüren wir den Anstoß des Geistes, aber klammern uns an das Vertraute. Diese Männer standen auf und folgten — wir dagegen wägen ab, prüfen, zögern. Doch Nachfolge duldet keinen Aufschub. Sie fragt uns heute: Bist du bereit, aufzustehen? Bist du bereit, loszulassen? Bist du bereit, zu gehen, wenn Christus ruft?

Wir dürfen nicht romantisieren. Diese Entscheidung war radikal. Sie ließen ihre Existenzgrundlage zurück, ihr Einkommen, ihre Sicherheit. Bist Du dazu bereit? Sie sagten ja zu einem Weg, dessen Ziel sie nicht kannten, zu einem Abenteuer, dessen Ausgang ungewiss war. Aber sie hatten gehört. Sie hatten die Botschaft vom Reich Gottes vernommen. Und wichtiger noch: Sie hatten den Ruf Jesu gehört. Und dieser Ruf war unwiderstehlich, nicht weil er sie zwang, sondern weil er ihr Herz traf, weil er eine Sehnsucht weckte, die tiefer war als alle Vernunft.

Jesus geht weiter, und Markus erzählt: „Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten.” Wieder zwei Brüder. Wieder Fischer. Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die später zu den engsten Vertrauten Jesu gehören werden. Sie sitzen im Boot, ein praktisches Bild der Alltagsarbeit. Die Netze müssen geflickt werden, das gehört zum Geschäft. Wer auf dem See fischen will, braucht intakte Netze. Es ist mühsame, geduldige Kleinarbeit, Knoten für Knoten, Masche für Masche.

„Und alsbald rief er sie.” Wieder dieser Ruf. Persönlich, direkt, unmittelbar. Jesus beruft nicht durch Vermittler, nicht durch Institutionen, sondern durch sein eigenes Wort. Sein Ruf ergeht an konkrete Menschen in konkreten Situationen. Er ruft Jakobus und Johannes nicht aus einer frommen Versammlung heraus, nicht aus einem religiösen Kontext, sondern mitten aus dem Alltag, aus der Arbeit, aus dem gewöhnlichen Leben.

Und auch ihre Reaktion ist eindeutig: „Sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.” Noch radikaler als bei Simon und Andreas wird hier deutlich, was Nachfolge bedeutet. Sie verlassen nicht nur ihr Handwerk, sondern auch ihren Vater. In der damaligen Kultur war die Familie die grundlegende soziale und wirtschaftliche Einheit. Der Sohn arbeitete im Geschäft des Vaters, übernahm später die Verantwortung, sorgte für die Eltern im Alter. Das alles lassen Jakobus und Johannes zurück.

Jesus wird später sagen: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert” (Matthäus 10,37). Das klingt hart, aber es zeigt die Absolutheit des Anspruchs Jesu. Er verlangt die erste Stelle, nicht weil er ein Tyrann ist, sondern weil er Gott ist und weil nur er das Leben geben kann, das wirklich Leben ist.

Interessant ist die Bemerkung, dass Zebedäus „mit den Tagelöhnern” im Boot zurückblieb. Das zeigt, dass die Familie nicht mittellos war. Sie hatten ein Geschäft, das groß genug war, um Angestellte zu beschäftigen. Jakobus und Johannes verzichteten also auf eine gesicherte Existenz, auf ein funktionierendes Unternehmen, auf wirtschaftliche Stabilität. Sie tauschten Sicherheit gegen Unsicherheit, Berechenbarkeit gegen Abenteuer, das Bekannte gegen das Unbekannte. Und sie taten es um Jesu willen.

Was bedeutet diese Geschichte für uns? Sie ist zunächst eine historische Begebenheit, ein tatsächliches Ereignis am Ufer des Sees Genezareth vor zweitausend Jahren. Aber sie ist mehr als das. Sie ist ein Bild, ein Muster, ein Paradigma für die Art und Weise, wie Jesus Menschen beruft, damals wie heute.

Jesus kommt zu uns in unserem Alltag. Er wartet nicht, bis wir in einer Kirche sind, bis wir fromm gestimmt sind, bis wir uns vorbereitet haben. Er kommt zu uns bei der Arbeit, zu Hause, unterwegs, mitten im ganz gewöhnlichen Leben. Und er ruft uns. Sein Ruf ergeht durch sein Wort, das wir in der Bibel lesen, das wir in der Predigt hören, das uns durch andere Christen bezeugt wird. Sein Ruf ist persönlich. Er kennt unseren Namen, kennt unsere Situation, kennt unser Herz. Und er sagt: „Folge mir nach.”

Dieser Ruf fordert eine Entscheidung. Die vier Fischer am See mussten sich entscheiden: weitermachen wie bisher oder alles auf diese eine Karte setzen. Zurückbleiben im Vertrauten oder aufbrechen ins Unbekannte. Ihre Netze behalten oder sie loslassen. So ist es auch bei uns. Der Ruf Jesu lässt uns nicht unverändert. Er fordert Antwort. Er verlangt Entscheidung. Es geht nicht um dramatische äußere Veränderungen bei jedem, nicht jeder muss seinen Beruf aufgeben oder seine Familie verlassen. Aber es geht immer um eine innere Neuausrichtung, um eine Verschiebung der Prioritäten, um eine Bereitschaft, Jesus den ersten Platz zu geben.

Paulus drückt es so aus: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden” (2. Korinther 5,17). Das Leben in der Nachfolge Jesu ist ein neues Leben. Nicht weil wir uns selbst verbessern, sondern weil Christus uns verändert. Er macht uns zu dem, was wir aus uns selbst nie werden könnten. Die Fischer wurden zu Aposteln, zu Säulen der Gemeinde, zu Zeugen, deren Botschaft die Welt verwandelte. Nicht weil sie besonders begabt waren, sondern weil sie Jesus folgten und er sie prägte.

Die Berufung der ersten Jünger zeigt auch etwas über die Art und Weise, wie Gott sein Reich baut. Er wählt nicht die Mächtigen, nicht die Weisen, nicht die Vornehmen, nicht die Theologen. Paulus schreibt: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist” (1. Korinther 1,26-27). Gott beruft gewöhnliche Menschen, einfache Menschen, Menschen, die wissen, dass sie Gott brauchen. Und durch sie vollbringt er Außergewöhnliches.

Lassen Sie mich persönlich fragen: Haben Sie den Ruf Jesu gehört? Vielleicht lesen Sie diese Zeilen und spüren etwas in Ihrem Herzen, eine Sehnsucht, eine Unruhe, eine leise Ahnung, dass es mehr geben muss als das, was Sie bisher kennen. Das könnte der Ruf Jesu sein. Er ruft Sie. Nicht zu einem Leben der religiösen Pflichterfüllung, nicht zu einem Dasein voller Regeln und Vorschriften, sondern zu einer lebendigen Beziehung mit ihm, dem Sohn Gottes, dem Retter der Welt.

Vielleicht sagen Sie: „Aber ich bin nicht gut genug. Ich habe so viele Fehler gemacht. Ich habe gesündigt. Mein Leben ist ein Durcheinander. Wie könnte Jesus mich gebrauchen?” Genau deshalb ruft er Sie. Er ist nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern: “Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten” (Lukas 5,32). Er nimmt nicht die Perfekten, sondern die Zerbrochenen und macht sie heil. Er beruft nicht die Fertigen, sondern die Suchenden und führt sie zum Ziel.

Oder vielleicht denken Sie: „Ich kann doch nicht alles aufgeben. Ich habe Verantwortung, Familie, Verpflichtungen, einen Beruf.” Jesus ruft nicht jeden dazu auf, buchstäblich Beruf und Familie zu verlassen, wie es die ersten Jünger taten. Aber er ruft jeden dazu auf, ihm den ersten Platz zu geben, ihn zum Herrn des Lebens zu machen, bereit zu sein, ihm zu folgen, wohin er führt. Das kann bedeuten, dass Sie in Ihrem jetzigen Leben bleiben, aber es mit einer völlig neuen Ausrichtung leben. Oder es kann bedeuten, dass Gott Sie tatsächlich zu Veränderungen ruft. Das entscheidet er, nicht wir. Unsere Aufgabe ist es, zu hören und zu gehorchen.

Die Verheißung Jesu bleibt: „Ich will euch zu Menschenfischern machen.” Wenn wir Jesus nachfolgen, werden wir nicht nur selbst verändert, sondern wir werden auch Teil seiner Mission. Er macht uns zu Werkzeugen in seiner Hand, zu Zeugen seiner Gnade, zu Botschaftern seines Reiches. Wir dürfen mitarbeiten am größten Projekt, das es gibt:

Menschen für Gott zu gewinnen, das Reich Gottes auszubreiten, Licht zu sein in einer dunklen Welt.

Das geschieht nicht durch unsere Kraft oder Klugheit. Jesus sagt: „Ich will euch machen.” Er ist der Handelnde. Wir sind das Material, mit dem er arbeitet. Er formt uns, prägt uns, rüstet uns aus. Und in seiner Hand werden wir zu dem, wozu er uns bestimmt hat. Das nimmt den Druck von uns. Wir müssen nicht aus eigener Kraft großartige Dinge vollbringen. Wir müssen nur bei ihm bleiben, ihm folgen, ihm vertrauen. Er wirkt durch uns, was wir nie aus uns selbst wirken könnten.

Die Urgemeinde hat diese Wahrheit erfahren. Petrus, der Fischer, hielt am Pfingsttag die Predigt, die dreitausend Menschen zur Umkehr führte (Apostelgeschichte 2). Johannes, der andere Fischer, schrieb das tiefgründigste Evangelium und die Offenbarung, Schriften, die die Kirche bis heute prägen. Diese Männer, die Netze geflickt hatten am Ufer des Sees, wurden zu Säulen des Glaubens, deren Zeugnis die Jahrhunderte überdauert. Nicht weil sie außergewöhnlich waren, sondern weil sie Jesus folgten und er sie gebrauchte.

Der Ruf Jesu ist drängend. Markus verwendet immer wieder Worte wie „sogleich”, „alsbald”, „sofort”. Es liegt eine Dringlichkeit in dieser Erzählung. Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Der Moment der Entscheidung ist jetzt. Nicht morgen, nicht irgendwann, sondern heute. Der Hebräerbrief mahnt: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht” (Hebräer 3,15). Heute ist der Tag der Gnade. Heute ist die Zeit der Entscheidung.

Vielleicht haben Sie schon oft den Ruf Jesu gehört und ihn ignoriert, aufgeschoben, verdrängt. Vielleicht haben Sie gedacht: später, wenn die Umstände besser sind, wenn ich mehr Zeit habe, wenn ich mein Leben in Ordnung gebracht habe. Aber das Leben wartet nicht. Jesus wartet. Aber irgendwann ist die Zeit vorbei. Jakobus schreibt: „Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt; danach verschwindet er” (Jakobus 4,14).

Unser Leben ist kurz, unsere Chancen sind begrenzt. Verschieben Sie nicht, was heute geschehen sollte.

Die vier Fischer am See trafen eine Entscheidung, die ihr Leben für immer veränderte. Sie gingen mit Jesus, teilten seine Freuden und Leiden, lernten von ihm, wurden zu seinen Zeugen. Sie sahen Wunder, erlebten Enttäuschungen, verließen ihn in der Stunde seines Todes und wurden nach seiner Auferstehung zu neuen Menschen. Sie empfingen den Heiligen Geist an Pfingsten und trugen das Evangelium in die Welt. Ihr Leben hatte Bedeutung, Tiefe, Ewigkeitswert. Nicht weil sie perfekt waren. Petrus verleugnete Jesus dreimal. Die Jünger stritten darüber, wer der Größte sei. Sie verstanden oft nicht, was Jesus lehrte. Aber Jesus gab sie nicht auf. Er formte sie, korrigierte sie, liebte sie, gebrauchte sie.

So wird er auch mit Ihnen verfahren. Wenn Sie seinem Ruf folgen, werden Sie nicht plötzlich perfekt sein. Sie werden Fehler machen, stolpern, zweifeln. Aber Sie werden nicht allein sein. Jesus geht mit Ihnen. Sein Geist leitet Sie. Seine Gnade trägt Sie. Seine Liebe lässt Sie nicht los.

Paulus bezeugt: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn” (Römer 8,38-39).

Die Szene am See Genezareth ist eine Einladung. Jesus geht an unserem Lebensufer entlang, sieht uns in unserer alltäglichen Beschäftigung und ruft uns: „Folge mir nach.” Was immer wir gerade tun, welche Netze wir gerade flicken, welche Pläne wir gerade verfolgen, sein Ruf unterbricht es und stellt die alles entscheidende Frage: Wirst du mir folgen?

Die Antwort liegt bei Ihnen. Jesus zwingt niemanden. Er lädt ein, er ruft, er wirbt. Aber die Entscheidung müssen Sie treffen. Werden Sie die Netze loslassen, das Vertraute aufgeben, das Alte hinter sich lassen? Werden Sie den Schritt wagen ins Unbekannte, getragen allein vom Vertrauen auf den, der ruft? Werden Sie Jesus sagen: „Ja, ich folge dir. Wohin du gehst, will ich gehen. Was du sagst, will ich tun. Wer du bist, will ich kennenlernen. Mein Leben gehört dir”?

Wenn Sie diesen Schritt tun, wird Ihr Leben nicht einfacher werden. Jesus hat nie ein bequemes Leben versprochen. Er hat gesagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach” (Markus 8,34). Nachfolge kostet. Sie kostet Zeit, Kraft, Bequemlichkeit, manchmal Ansehen, manchmal Beziehungen. Aber sie gibt unendlich mehr, als sie kostet. Sie gibt Sinn, Hoffnung, Frieden, Freude, die die Welt nicht kennt. Sie gibt Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Sie gibt Vergebung der Sünden. Sie gibt ewiges Leben.

Der Ruf Jesu ist keine Last, sondern eine Befreiung. Er ruft uns nicht in Knechtschaft, sondern in Freiheit. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit” (Galater 5,1). Frei von der Macht der Sünde, frei von der Angst vor dem Tod, frei von dem Zwang, uns selbst rechtfertigen zu müssen, frei zu lieben, zu dienen, zu leben, wie Gott es gedacht hat.

Möge der Herr Ihnen Gnade geben, seinen Ruf zu hören. Möge er Ihr Herz öffnen für seine Botschaft. Möge er Ihnen den Mut schenken, die Netze loszulassen und ihm nachzufolgen. Und möge er Sie zu einem Menschenfischer machen, der andere hinführt zu dem, der allein retten kann. Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Tun Sie Buße und glauben Sie an das Evangelium. Folgen Sie Jesus nach. Er wartet auf Sie.

Soli Deo Gloria – Ihm allein sei die Ehre. Amen.

Ähnliche Beiträge

Last modified: 6 Stunden ago