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Geistliche Reife: Wenn Christus in uns Gestalt gewinnt!

LutheranerWritten by:

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Es ist eine Szene, die jeder Gärtner kennt: Ein Samenkorn wird in die Erde gelegt, verschwindet im Dunklen, scheint tot zu sein. Doch dann geschieht etwas Verborgenes, etwas Wunderbares.

Das Korn quillt auf, bricht auf, ein zarter Trieb streckt sich dem Licht entgegen. Wochen vergehen, Monate vielleicht, und aus dem winzigen Keim wird eine Pflanze, die Blüten trägt, die Frucht bringt. Niemand kann dieses Wachstum erzwingen, niemand kann es beschleunigen durch bloßes Wollen. Und doch geschieht es, nach einem geheimnisvollen Gesetz des Lebens, das Gott selbst in die Schöpfung hineingelegt hat.

So ist es auch mit dem geistlichen Leben. Paulus schreibt an die Korinther: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben” (1. Korinther 3,6). Das christliche Leben beginnt nicht mit unserer Entscheidung, nicht mit unserer Leistung, nicht mit unserem frommen Vorsatz. Es beginnt mit Gottes Handeln. Er pflanzt den Samen des Glaubens in unser Herz. Und dann, in einem Prozess, der ein ganzes Leben umfasst, lässt er diesen Samen wachsen zur geistlichen Reife.

Doch was ist eigentlich geistliche Reife? In einer Zeit, in der Erfolg messbar sein muss, in der wir alles quantifizieren und optimieren wollen, ist diese Frage von brisanter Bedeutung. Ist der reife Christ derjenige, der die meisten Bibelverse auswendig kennt? Ist es derjenige, der am längsten betet, am meisten gibt, am aktivsten in der Gemeinde ist? Ist geistliche Reife eine Checkliste, die wir abhaken können, ein Leistungsnachweis, den wir erbringen müssen?

Die Heilige Schrift zeichnet ein ganz anderes Bild. Paulus schreibt an die Epheser von dem Ziel unseres Glaubens: „bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi” (Epheser 4,13). Das volle Maß der Fülle Christi. Das ist das Ziel. Nicht die Fülle unserer religiösen Aktivität, nicht die Fülle unseres theologischen Wissens, sondern die Fülle Christi.

Geistliche Reife bedeutet, dass Christus in uns Gestalt gewinnt, dass sein Leben unser Leben wird, dass sein Charakter unser Charakter prägt.

Der Hebräerbrief unterscheidet zwischen unmündigen Christen und reifen Gläubigen: „Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können” (Hebräer 5,13-14). Es geht also um einen Unterschied in der geistlichen Wahrnehmungsfähigkeit, um eine zunehmende Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, um ein geschärftes Gewissen, das durch den beständigen Umgang mit Gottes Wort geformt wurde.

Stellen wir uns einen jungen Christen vor, der gerade zum Glauben gekommen ist. Alles ist neu, alles ist aufregend. Die Bibel ist ein unerschlossenes Land, das Gebet ein frisches Abenteuer. Die Freude über die Vergebung der Sünden ist überwältigend. Und das ist gut so. Das ist der Anfang. Aber Gott will nicht, dass wir Kinder bleiben. Paulus schreibt an die Korinther mit einem Unterton der Besorgnis: „Und ich, liebe Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu geistlichen, sondern als zu fleischlichen Menschen, als zu unmündigen Kindern in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr’s noch nicht” (1. Korinther 3,1-2). Was war das Problem der Korinther? Sie waren zerstritten, eifersüchtig, von weltlichen Maßstäben geprägt. Sie hatten zwar den Glauben angenommen, aber ihr Leben hatte sich noch nicht grundlegend verändert.

Und genau dieses Muster erkennen wir heute auch in den sozialen Medien. Viele Christen halten sich für gereift, für „mündige“ Nachfolger Christi – doch ihr digitales Verhalten erzählt eine andere Geschichte. Da wird gestritten, gelästert, gekämpft um Recht und Einfluss, als ginge es um weltliche Ehre statt um das Reich Gottes. Man verteidigt nicht die Wahrheit, sondern das eigene Ego. Man sucht nicht die Einheit des Geistes, sondern den Sieg der eigenen Meinung. Und so zeigt sich, oft unbemerkt, dieselbe Unmündigkeit wie damals in Korinth: viel Wissen, wenig Weisheit; viel Eifer, wenig Liebe; viele Worte, wenig Christusähnlichkeit.

Geistliche Unreife zeigt sich in verschiedenen Symptomen. Da ist zunächst die Selbstbezogenheit. Der unreife Christ dreht sich ständig um sich selbst, um die eigenen Gefühle, die eigenen Bedürfnisse, die eigene geistliche Befindlichkeit. Er fragt: Was bekomme ich aus der Gemeinde? Was bringt mir diese Predigt? Warum erhört Gott meine Gebete nicht so, wie ich es will? Es ist eine kindliche Perspektive, die verständlich ist am Anfang, aber überwunden werden muss.

Ein weiteres Zeichen der Unreife ist die Instabilität. Paulus warnt die Epheser: „…damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen” (Epheser 4,14). Der unreife Gläubige ist wie ein Schilfrohr im Wind, heute begeistert von dieser Lehre, morgen fasziniert von jener Richtung. Er hat noch kein festes Fundament, keine tiefe Verwurzelung in der Wahrheit des Evangeliums.

Auch die Neigung zu äußerlichem, gesetzlichem Christentum ist ein Zeichen mangelnder Reife. Der unreife Christ verwechselt oft Form und Inhalt, Schale und Kern. Er meint, Frömmigkeit bestehe in der peinlich genauen Einhaltung bestimmter Regeln, in der Vermeidung bestimmter Verhaltensweisen, in der Erfüllung religiöser Pflichten. Doch Jesus selbst hat die Pharisäer scharf kritisiert für genau diese Haltung: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben!” (Matthäus 23,23). Man kann alle religiösen Formen befolgen und doch das Herz des Glaubens verfehlen.

Was ist dann der Weg zur geistlichen Reife? Wie wachsen wir hinein in die Fülle Christi? Die Heilige Schrift zeigt uns mehrere wesentliche Elemente. Das erste ist die beständige Beschäftigung mit Gottes Wort. Petrus ermahnt: „und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil” (1. Petrus 2,2). Später im gleichen Brief spricht er dann von festerer Speise.

Das Wort Gottes ist unsere geistliche Nahrung. Ohne sie verkümmern wir, bleiben schwach und anfällig.

Doch es geht nicht nur um das Lesen der Bibel, sondern um das Hören mit einem gehorsamen Herzen. Jakobus warnt: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst” (Jakobus 1,22). Geistliches Wachstum geschieht nicht im Kopf allein, sondern im ganzen Leben. Das Wort muss Fleisch werden in unserem Alltag, in unseren Entscheidungen, in unseren Beziehungen. Luther betonte immer wieder, dass die Heilige Schrift nicht nur studiert, sondern meditiert werden muss, das heißt, wir müssen sie wiederkäuen wie ein Tier seine Nahrung, bis sie unser Denken und Handeln durchdringt.

Ein zweites Element ist die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen. Der Verfasser des Hebräerbriefs ermahnt: „Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen” (Hebräer 10,24-25). Wir wachsen nicht im geistlichen Vakuum, nicht in frommer Isolation. Wir brauchen die Gemeinschaft, die Ermutigung, auch die Herausforderung durch andere. In der Gemeinde werden unsere Kanten geschliffen, unsere blinden Flecken aufgedeckt, unsere Gaben geweckt. Es ist ein Ort des gemeinsamen Wachsens.

Doch gerade hier zeigt sich heute ein bedrückendes Phänomen: Viele Christen verlassen die Gemeinde, ziehen sich zurück, erklären die Kirche für „unbiblisch“ oder „unnötig“ und suchen nach immer neuen Ausflüchten, warum sie keine verbindliche Gemeinschaft brauchen. Man beruft sich auf persönliche Offenbarungen, auf Enttäuschungen, auf vermeintliche Reinheit des eigenen Glaubens – und merkt nicht, dass man sich damit genau von dem Ort entfernt, an dem Gott uns formen will. Geistliche Reife wächst nicht im Alleingang, nicht im selbstgewählten Rückzug, nicht in der Komfortzone der eigenen Überzeugungen.

Wer die Gemeinde meidet, meidet zugleich das Werkzeug, durch das Christus uns korrigiert, trägt, schleift und aufrichtet.

Und so wird aus dem Anspruch der Mündigkeit oft unbemerkt ein Ausdruck geistlicher Unabhängigkeit, die der Schrift widerspricht und das Herz verhärtet.

Das dritte Element ist das Gebet. Paulus betet für die Epheser: „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle” (Epheser 3,17-19). Gebet ist nicht nur das Äußern unserer Bitten, sondern das Eintauchen in die Gegenwart Gottes, das Sich-Ausrichten auf ihn, das Lauschen auf seine Stimme. Im Gebet werden wir verwandelt.

Doch es gibt noch ein viertes Element, das oft übersehen wird: Leiden und Anfechtung. Jakobus schreibt: „Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt, und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll ihr Werk tun bis ans Ende, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei” (Jakobus 1,2-4). Das widerspricht unserem natürlichen Empfinden. Wir möchten wachsen durch angenehme Erfahrungen, durch geistliche Höhenflüge, durch spektakuläre Erlebnisse. Doch Gott gebraucht oft gerade die schweren Zeiten, die Durststrecken, die Anfechtungen, um uns zu formen.

In der Anfechtung zeigt sich, ob unser Glaube echt ist oder nur oberflächlich. In der Prüfung wird deutlich, worauf wir wirklich vertrauen. Sind wir Schönwetter-Christen, die nur dann jubeln, wenn es uns gut geht? Oder haben wir ein tieferes Fundament, das auch im Sturm trägt? Petrus, der selbst durch tiefe Wasser gegangen war, schreibt: „Darum sollt ihr fröhlich sein, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird” (1. Petrus 1,6-7).

Luther sprach von Anfechtung als einer der drei Dimensionen theologischer Bildung, zusammen mit Gebet und Meditation. Versuchung und Anfechtung lehren uns das, was kein Buch, keine Predigt und kein Seminar je ersetzen kann. Sie demütigt uns, sie treibt uns zu Gott, sie zeigt uns unsere Schwachheit und seine Stärke. Paulus selbst erfuhr das: „Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne” (2. Korinther 12,7-9). Das war eine tiefe Lektion in geistlicher Reife: zu lernen, dass Gottes Kraft in unserer Schwachheit zur Vollendung kommt.

Geistliche Reife bedeutet also nicht, dass wir perfekt werden, dass wir über alle Zweifel erhaben sind, dass wir nie mehr straucheln. Im Gegenteil. Der reife Christ kennt seine Schwachheit besser als der unreife. Er hat gelernt, dass er aus sich selbst nichts vermag, dass er jeden Tag neu auf Gottes Gnade angewiesen ist. Er hat aufgehört, sich selbst etwas vorzumachen. Er ist ehrlich geworden vor Gott und vor sich selbst.

Diese Ehrlichkeit zeigt sich in der Buße. Der reife Christ lebt in beständiger Buße, nicht weil er ständig in schwere Sünden fällt, sondern weil er die Feinheit der Sünde erkannt hat, die sich in so vielen Formen zeigt: in der Ungeduld, im Stolz, in der Lieblosigkeit, in der Selbstsucht.

Luther hatte recht, als er in seiner ersten These schrieb: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße, will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen Buße sei.” Das ist keine traurige Botschaft, sondern eine befreiende. Wir müssen nicht so tun, als wären wir angekommen. Wir dürfen ehrlich sein über unsere Kämpfe und Niederlagen, weil wir wissen: Unsere Gerechtigkeit liegt nicht in uns, sondern in Christus.

Und das führt uns zum Kern der geistlichen Reife: zur Christusförmigkeit. Paulus schreibt an die Galater: „Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne! “ (Galater 4,19). Das ist das Ziel: dass Christus in uns Gestalt gewinnt. Nicht dass wir religiös erfolgreiche Menschen werden, nicht dass wir moralische Vorbilder werden, sondern dass sein Leben in unserem Leben sichtbar wird.

Was heißt das konkret? Es bedeutet, dass wir zunehmend die Gesinnung Christi haben. Paulus beschreibt sie: „Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an” (Philipper 2,5-7). Die Gesinnung Christi ist eine Gesinnung der Demut, der Selbstentäußerung, des Dienens.

Der reife Christ ist nicht derjenige, der über anderen steht und auf sie herabschaut, sondern derjenige, der sich bückt, um anderen die Füße zu waschen.

Es bedeutet auch, dass wir die Liebe Christi ausstrahlen. Johannes schreibt: „Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe” (1. Johannes 4,8). Liebe ist nicht ein Gefühl, das kommt und geht, sondern eine Haltung, eine Entscheidung, ein Lebensstil. Die Liebe, von der Paulus in 1. Korinther 13 spricht, ist geduldig, freundlich, nicht eifersüchtig, nicht aufgeblasen. Sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Diese Liebe ist übernatürlich. Sie kann nur aus Gott fließen. Und sie wächst in uns, je mehr wir in Christus verwurzelt sind.

Und das bedeutet zugleich etwas Unbequemes: Wenn ein Christ nicht lieben will, wenn er sich bewusst der Liebe verweigert, dann zeigt das nicht geistliche Stärke, sondern geistliche Entwurzelung. Man kann noch so fromm reden, noch so heilig auftreten, noch so viele Bibelverse zitieren – ohne Liebe bleibt all das hohl. Denn wer in Christus verwurzelt ist, bringt unweigerlich die Frucht hervor, die aus ihm kommt. Wo aber Härte, Bitterkeit, Rechthaberei und Lieblosigkeit regieren, dort ist nicht Christus das Fundament, sondern das eigene Ich. Die Liebe ist kein Zusatz zum Glauben, sie ist sein Echtheitsmerkmal. Wer nicht lieben will, zeigt damit, dass er die Quelle der Liebe nicht wirklich kennt.

Der reife Christ ist auch jemand, der Frucht bringt. Jesus sagt: „Daran wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger” (Johannes 15,8). Paulus zählt die Frucht des Geistes auf: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit” (Galater 5,22-23). Das sind keine Leistungen, die wir erzwingen können. Sie sind Früchte, die der Heilige Geist in uns hervorbringt, wenn wir in Christus bleiben. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun” (Johannes 15,5).

Diese Früchte wachsen langsam. Ein Apfelbaum bringt nicht sofort nach der Pflanzung Äpfel hervor. Es braucht Zeit, Geduld, die richtige Pflege. Und manchmal muss der Gärtner auch schneiden, zurückschneiden, damit der Baum mehr Frucht bringt. Jesus spricht davon: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe” (Johannes 15,2). Das Beschneiden ist schmerzhaft, aber notwendig. Gott entfernt manchmal Dinge aus unserem Leben, nicht um uns zu strafen, sondern um uns fruchtbarer zu machen.

Geistliche Reife zeigt sich auch in der Fähigkeit, andere zu fördern, zu lehren, zu ermutigen. Der reife Christ ist nicht mehr nur Empfänger, sondern auch Geber. Er hat selbst Trost empfangen und kann nun andere trösten. Paulus schreibt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott” (2. Korinther 1,3-4). Das ist ein schöner Kreislauf: Wir empfangen von Gott, und wir geben weiter an andere.

Der Verfasser des Hebräerbriefs tadelt seine Leser, weil sie in dieser Hinsicht versagt hatten: „Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre” (Hebräer 5,12). Sie waren in ihrer Entwicklung stehen geblieben, vielleicht sogar zurückgegangen. Das ist eine ernste Warnung für uns alle. Geistliches Wachstum ist nicht automatisch. Es erfordert Einsatz, Hingabe, beständiges Streben.

Zugleich müssen wir uns aber bewusst sein, dass geistliches Wachstum letztlich Gottes Werk ist, nicht unseres. Wir können weder uns selbst noch andere zur Reife zwingen. Paulus sagt klar: „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen” (Römer 9,16). Das bewahrt uns vor zwei Gefahren: vor der Verzweiflung, wenn wir nicht so schnell wachsen, wie wir es uns wünschen, und vor dem Hochmut, wenn wir Fortschritte machen und meinen, das sei unser Verdienst.

Es ist Gott, der in uns wirkt. Paulus schreibt an die Philipper: „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen” (Philipper 2,13). Das ist eine wunderbare Wahrheit. Gott gibt uns nicht nur den Auftrag und lässt uns dann allein kämpfen. Er selbst wirkt in uns, er selbst schenkt uns das Wollen und die Kraft zum Vollbringen. Unser Teil ist es, mit ihm zusammenzuwirken, nicht zu widerstehen, uns seinem Wirken zu öffnen.

Das bedeutet praktisch: Wir setzen uns den Mitteln aus, die Gott zur Verfügung gestellt hat. Wir hören sein Wort, wir kommen zum Gottesdienst, wir nehmen an Abendmahl und Taufe teil, wir pflegen die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen, wir beten, wir dienen. In all dem begegnet uns Gott, und in all dem formt er uns. Die reformatorische Tradition spricht von Gnadenmitteln, Mitteln, durch die Gott seine Gnade an uns austeilt. Sie sind nicht magisch, sie wirken nicht automatisch, aber Gott hat verheißen, durch sie zu handeln.

Es gibt auch Phasen im geistlichen Leben, in denen es so aussieht, als würde nichts geschehen. Die mittelalterlichen Mystiker sprachen von der dunklen Nacht der Seele, von Zeiten, in denen Gott fern erscheint, in denen das Gebet trocken wird, in denen die Freude am Glauben schwindet. Das sind schwere Zeiten. Doch auch sie gehören zum Wachstum.

Manchmal zieht sich Gott scheinbar zurück, nicht um uns zu verlassen, sondern um unseren Glauben zu stärken, um uns zu lehren, dass wir ihn selbst suchen, nicht nur seine Gaben.

Hiob durchlebte solch eine dunkle Nacht. Er verlor alles, und Gott schwieg. Doch am Ende konnte Hiob sagen: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat dich mein Auge gesehen” (Hiob 42,5). Durch das Leiden kam er zu einer tieferen Gotteserkenntnis. Das rechtfertigt das Leiden nicht, macht es nicht weniger schmerzhaft, aber es zeigt, dass Gott auch in der Dunkelheit wirkt, ja gerade dort manchmal am tiefsten.

Ein wichtiger Aspekt der geistlichen Reife ist auch die Weisheit, die Fähigkeit, Gottes Willen in konkreten Situationen zu erkennen. Der weise Christ ist nicht derjenige, der für jede Situation eine Bibelstelle auswendig aufsagen kann, sondern derjenige, der gelernt hat, biblische Prinzipien auf komplexe Lebenssituationen anzuwenden. Jakobus ermutigt: „Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden” (Jakobus 1,5). Weisheit ist ein Geschenk, um das wir bitten dürfen und sollen.

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit, heißt es in den Sprüchen. Das bedeutet nicht Angst vor Gott im Sinne von Schrecken, sondern ehrfürchtige Scheu, ein tiefes Bewusstsein seiner Heiligkeit und Majestät. Wer Gott fürchtet in diesem Sinn, wird nicht leichtfertig mit der Sünde spielen, wird nicht seine Gnade missbrauchen, wird nicht gleichgültig durch das Leben gehen. Er wird mit Zittern und Freude seine Errettung schaffen, wie Paulus es ausdrückt.

Schließlich gehört zur geistlichen Reife auch die Perspektive der Ewigkeit. Der reife Christ ist nicht nur auf das Hier und Jetzt fixiert, sondern hat sein Ziel im Blick. Paulus schreibt: „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus” (Philipper 3,13-14). Es gibt ein Ziel, auf das wir zulaufen. Wir sind nicht angekommen, wir sind unterwegs. Aber wir wissen, wohin wir gehen.

Diese Perspektive gibt uns Hoffnung in schweren Zeiten. „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll” (Römer 8,18). Diese Perspektive hilft uns auch, die Dinge dieser Welt in rechtem Maß zu sehen. Wir halten sie mit lockerer Hand, weil wir wissen: Das Beste kommt noch. „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus “ (Philipper 3,20).

Und doch macht uns diese himmlische Perspektive nicht weltfremd. Im Gegenteil. Gerade weil wir wissen, dass diese Welt nicht alles ist, können wir uns ganz in sie hineingeben, können wir dienen ohne Bitterkeit, können wir lieben ohne Berechnung, können wir leiden ohne Verzweiflung. Wir haben eine Hoffnung, die über dieses Leben hinausreicht.

Am Ende ist geistliche Reife also nicht eine Leistung, die wir vorweisen können, sondern eine Verwandlung, die Gott in uns wirkt. Sie geschieht in dem Maße, wie wir Christus mehr und mehr ähnlich werden. Sie zeigt sich nicht in spektakulären Erlebnissen, sondern im stillen, beständigen Wachstum der Frucht des Geistes. Sie ist ein Geschenk und zugleich eine Aufgabe. Ein Geschenk, weil Gott sie wirkt. Eine Aufgabe, weil wir mit ihm zusammenwirken dürfen.

Lasst uns also wachsen in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus, wie Petrus ermahnt. Lasst uns nicht stehen bleiben, wo wir sind, sondern vorangehen, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Lasst uns die Mittel gebrauchen, die Gott uns gegeben hat. Lasst uns Geduld haben mit uns selbst und mit anderen, denn Gott ist geduldig mit uns allen. Und lasst uns immer auf Christus schauen, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens.

Der Gott aller Gnade, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Soli Deo Gloria – Ihm allein sei die Ehre. Amen.

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