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Das falsche Versprechen: Das Wohlstandsevangelium!

LutheranerWritten by:

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Die Kamera schwenkt über ein riesiges Auditorium. Tausende Menschen, die Hände zum Himmel erhoben, Tränen auf den Gesichtern. Auf der Bühne steht ein Mann im maßgeschneiderten Anzug, das Lächeln perfekt, die Worte geschliffen wie Diamanten.

„Gott will, dass es dir gut geht!”, ruft er ins Mikrofon, und die Menge jubelt. „Er will dich gesund sehen, reich, erfolgreich! Du musst nur glauben, nur beanspruchen, was dir gehört! Jesus ist gekommen, damit du das Leben in Fülle hast!” Wieder Jubel, wieder erhobene Hände. Die Musik schwillt an, emotional, mitreißend. Menschen strömen nach vorne, legen ihre Schecks und Kreditkarten in die bereitstehenden Körbe. Das Versprechen ist verlockend: Gib Gott, und Gott gibt dir zurück, hundertfach, tausendfach.

Doch in einer kleinen Wohnung am Stadtrand sitzt eine Frau vor dem Fernseher und weint. Sie hat all das geglaubt, jedes Wort. Sie hat gegeben, obwohl sie kaum etwas hatte. Sie hat gebetet, hat gefordert, hat bekannt, wie man es ihr gelehrt hat. Doch der Krebs ist geblieben. Die Schulden sind gewachsen. Die Einsamkeit hat sich vertieft. Und nun sitzt sie da mit einer Frage, die wie Gift durch ihre Seele sickert: Habe ich nicht genug geglaubt? Ist mein Glaube zu schwach? Hat Gott mich verlassen? Oder schlimmer noch: Gibt es ihn überhaupt?

Das ist die bittere Frucht des Wohlstandsevangeliums, dieser verführerischen Lehre, die wie Schimmel durch weite Teile der modernen Christenheit kriecht. Es ist eine Lehre, die verspricht, was sie nicht halten kann, die tröstet, aber nicht heilt, die Hoffnung weckt, aber Verzweiflung zurücklässt. Es ist, um es beim Namen zu nennen, eine Lüge, verpackt in biblische Sprache, geschmückt mit Zitaten aus dem Zusammenhang gerissen, präsentiert mit der Autorität göttlicher Wahrheit. Und sie richtet enormen Schaden an in den Herzen derer, die aufrichtig suchen, die wirklich glauben wollen.

Das Wohlstandsevangelium predigt im Kern eine einfache Formel: Glaube plus Geben gleich materieller Segen. Wenn du nur genug glaubst, wenn du nur positiv genug bekennst, wenn du nur großzügig genug gibst, dann wird Gott dich mit Gesundheit, Reichtum und Erfolg überschütten. Krankheit ist ein Zeichen mangelnden Glaubens. Armut ist ein Fluch, der gebrochen werden muss. Leiden ist optional für den wahren Gläubigen. Jesus ist gekommen, um dir dein bestes Leben jetzt zu geben.

Doch diese Botschaft steht in direktem Widerspruch zur Heiligen Schrift. Wenn wir die Bibel aufrichtig lesen, nicht selektiv, nicht mit vorgefassten Meinungen, dann begegnet uns ein ganz anderes Bild. Jesus selbst sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden” (Johannes 16,33). Er verspricht nicht die Abwesenheit von Angst und Bedrängnis. Im Gegenteil, er setzt sie voraus. In der Welt werdet ihr Angst haben. Das ist keine Möglichkeit, sondern eine Gewissheit. Aber, und das ist entscheidend, er verspricht seine Gegenwart in dieser Angst, seinen Frieden inmitten des Sturms, seinen Sieg über die Mächte dieser Welt.

Schauen wir auf die Apostel, auf die ersten Christen. Waren sie reich? Waren sie gesund? Waren sie erfolgreich nach weltlichen Maßstäben? Paulus schreibt an die Korinther mit einer Offenheit, die jeden Prediger des Wohlstandsevangeliums zum Schweigen bringen sollte: „Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe und mühen uns ab mit unsrer Hände Arbeit. Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s; man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute” (1. Korinther 4,11-13).

Das sind die Worte eines Mannes, der Christus persönlich begegnet war, der vom Heiligen Geist erfüllt war, der Gemeinden gründete und Wunder wirkte. Wenn das Wohlstandsevangelium wahr wäre, dann hätte Paulus versagt. Dann hätte sein Glaube nicht ausgereicht. Doch Paulus sieht seine Leiden in einem ganz anderen Licht. Er schreibt: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll” (Römer 8,18). Die Herrlichkeit liegt nicht im Jetzt, nicht im materiellen Segen dieses Lebens, sondern in der kommenden Welt, in der Ewigkeit bei Gott.

An anderer Stelle wird Paulus noch deutlicher über seinen Zustand: „Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne “ (2. Korinther 12,7-9).

Paulus betete, flehte sogar, um Heilung von diesem Leiden, was immer es genau war. Doch Gott heilte ihn nicht. Nicht weil Paulus zu wenig Glauben hatte, nicht weil er nicht positiv genug bekannte, sondern weil Gott einen anderen, besseren Plan hatte: seine Gnade sollte in der Schwachheit des Paulus sichtbar werden.

Das ist eine revolutionäre Botschaft für unsere Zeit. Gottes Kraft wird in der Schwachheit mächtig. Nicht trotz unserer Schwachheit, sondern gerade in ihr. Das Kreuz selbst ist der größte Beweis dafür. Der allmächtige Gott rettet die Welt nicht durch Macht und Herrlichkeit, sondern durch Schwachheit und Leiden.

Paulus schreibt: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft” (1. Korinther 1,18). Und weiter: „Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit” (1. Korinther 1,22-24).

Das Wohlstandsevangelium ist im Kern eine Rückkehr zu dem, was die Juden suchten und was die Griechen begehrten: Zeichen und Weisheit, Macht und Erfolg. Es ist eine Verweigerung des Kreuzes, eine Ablehnung des Weges, den Jesus selbst gegangen ist. Jesus, der Sohn Gottes, hätte alle Macht und allen Reichtum dieser Welt haben können. Stattdessen wurde er geboren in einem Stall, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte. Er endete nackt am Kreuz, von Gott verlassen scheinend und verspottet von den Menschen. Wäre das Wohlstandsevangelium wahr, dann wäre Jesus das größte Beispiel für mangelnden Glauben.

Doch Jesus sagt es selbst zu seinen Jüngern: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir” (Matthäus 16,24). Nicht: Folge mir, und du wirst reich. Nicht: Folge mir, und alle deine Probleme verschwinden. Sondern: Nimm dein Kreuz auf dich. Rechne mit Leiden. Rechne mit Widerstand. Rechne damit, dass diese Welt dich ablehnt, so wie sie mich abgelehnt hat.

Die Liste der Glaubenszeugen im Hebräerbrief Kapitel 11 ist eindrücklich. Durch Glauben besiegten sie Königreiche, übten Gerechtigkeit, empfingen Verheißungen. Doch dann kommt eine Wendung: „Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind  gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Erdlöchern” (Hebräer 11,35-38).

Das waren Glaubenshelden, Menschen, deren Glaube so stark war, dass sie lieber starben, als ihn zu verleugnen. Und doch waren sie arm, verfolgt, heimatlos. Die Welt war ihrer nicht wert, schreibt der Verfasser. Das ist die Bewertung Gottes, nicht die der Wohlstandsprediger. Gott ehrt sie nicht für ihren materiellen Erfolg, sondern für ihre Treue im Leiden.

Hiob ist ein weiteres mächtiges Beispiel. Ein Mann, von dem Gott selbst sagt: „Der HERR sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse” (Hiob 1,8). Und doch lässt Gott zu, dass Hiob alles verliert: seinen Besitz, seine Kinder, seine Gesundheit. Hiobs Freunde vertreten im Grunde die Theologie des Wohlstandsevangeliums: Wenn es dir schlecht geht, musst du gesündigt haben. Wenn du leidest, liegt es an mangelndem Glauben.

Doch Gott selbst widerlegt diese Theologie am Ende des Buches. Hiob hatte nicht gesündigt. Sein Leiden war nicht die Folge mangelnden Glaubens. Es gab tiefere, verborgene Gründe, die wir nicht immer verstehen können.

Das Wohlstandsevangelium macht Gott zu einem Automaten: Du wirfst Glauben und Geld ein, und er spuckt Segen aus. Doch der Gott der Bibel ist kein Automat. Er ist ein souveräner Herr, dessen Wege höher sind als unsere Wege und dessen Gedanken höher sind als unsere Gedanken. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken” (Jesaja 55,8-9).

Diese Souveränität Gottes ist keine kalte Gleichgültigkeit. Im Gegenteil. Gott ist zutiefst involviert in unserem Leben, zutiefst berührt von unserem Leiden. Jesus weinte am Grab des Lazarus, obwohl er wusste, dass er ihn gleich auferwecken würde. Er ist kein ferner Gott, der unbewegt auf unsere Kämpfe herabschaut. Er ist ein Gott, der selbst gelitten hat, der selbst den Kelch des Leidens getrunken hat bis zur Neige. „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde” (Hebräer 4,15).

Das Wohlstandsevangelium beraubt uns dieser tröstlichen Wahrheit. Wenn Leiden immer ein Zeichen mangelnden Glaubens ist, dann konnte Jesus nicht wirklich leiden, dann war sein Leiden nur Schein. Doch die Heilige Schrift bezeugt das Gegenteil. Jesus hat wirklich gelitten, nicht trotz seines vollkommenen Glaubens, sondern als Teil des göttlichen Plans der Erlösung. „Und er hat, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt” (Hebräer 5,8). Selbst der Sohn Gottes lernte durch Leiden.

Die Botschaft des Wohlstandsevangeliums ist auch deshalb so gefährlich, weil sie eine zusätzliche Last auf die Schultern leidender Menschen legt. Wer krank ist und nicht geheilt wird, muss nun nicht nur mit der Krankheit kämpfen, sondern auch mit dem Vorwurf, nicht genug geglaubt zu haben. Wer arm ist, wird nicht nur mit materieller Not konfrontiert, sondern auch mit spiritueller Verurteilung. Das ist das Gegenteil der Botschaft Jesu, der sagte: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht” (Matthäus 11,28-30).

Jesus nimmt Lasten ab, er lädt nicht zusätzliche auf. Doch das Wohlstandsevangelium tut genau das. Es verspricht Erleichterung, aber bringt neue Knechtschaft: die Knechtschaft des positiven Bekennens, des ständigen Beanspruchens, des unaufhörlichen Gebens in der Hoffnung, dass Gott endlich die versprochenen Segnungen ausschüttet.

Nun könnte man einwenden: Aber verspricht Gott nicht Segen? Sagt Jesus nicht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan” (Matthäus 7,7)? Sagte er nicht auch: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen” (Johannes 10,10)? Ja, das sagte er. Aber wir müssen diese Verheißungen im Kontext der gesamten Heiligen Schrift verstehen.

Das Leben in Fülle, von dem Jesus spricht, hat seinen Kern nicht im Materiellen. Es ist das Leben in Gemeinschaft mit Gott, das ewige Leben, das bereits jetzt beginnt. Es ist ein Leben, das erfüllt ist von Sinn, von Zweck, von der Gegenwart Gottes. Paulus konnte schreiben: „Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht” (Philipper 4,11-13).

Dieser Vers wird oft zitiert im Kontext des Wohlstandsevangeliums: “Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.” Aber der Kontext zeigt etwas ganz anderes. Paulus spricht von der Fähigkeit, sowohl mit Überfluss als auch mit Mangel umzugehen. Das wahre Leben in Fülle ist die Zufriedenheit in Christus, unabhängig von den äußeren Umständen.

Ja, Gott erhört Gebete. Ja, er segnet sein Volk. Aber nicht nach einer simplen Formel, nicht mechanisch, nicht vorhersehbar. Manchmal erhört er Gebete genau so, wie wir es erbitten. Manchmal erhört er sie anders. Manchmal sagt er nein, weil er Besseres im Sinn hat. Und manchmal lässt er uns warten, aus Gründen, die wir erst in der Ewigkeit verstehen werden.

Die Geschichte von Maria und Martha am Grab des Lazarus ist hier aufschlussreich. Beide Schwestern hatten Jesus gerufen, als ihr Bruder krank war. Doch Jesus kam nicht sofort. Er wartete, bis Lazarus gestorben war. Und als er schließlich kam, sagten beide zu ihm: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben” (Johannes 11,21.32). Sie glaubten, dass Jesus heilen konnte. Ihr Glaube war stark. Doch Jesus hatte etwas Größeres vor: nicht nur Heilung, sondern Auferweckung von den Toten. Manchmal verzögert Gott seine Antwort nicht, weil unser Glaube zu schwach ist, sondern weil er etwas Größeres tun will.

Das Wohlstandsevangelium reduziert Gott auf unsere kleinen irdischen Wünsche und Bedürfnisse. Es macht ihn zu unserem Diener statt uns zu seinen Dienern. Doch die Heilige Schrift lehrt das Gegenteil. Jesus sagt: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten” (Markus 8,35). Das ist keine Erfolgsformel für materiellen Gewinn. Das ist ein Ruf zur Selbstverleugnung, zur radikalen Hingabe.

Die frühen Christen verstanden das. Als die Verfolgung ausbrach und ihr Besitz genommen wurde, heißt es: „Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt” (Hebräer 10,34). Sie freuten sich über den Verlust ihrer Güter, weil sie etwas Besseres hatten: eine Hoffnung, die kein Verfolger ihnen nehmen konnte, einen Schatz im Himmel, der nicht vergeht.

Das bedeutet nicht, dass Christen Armut verherrlichen sollen oder dass materieller Segen grundsätzlich schlecht wäre. Es gibt in der Bibel auch wohlhabende Gläubige: Abraham, Ijob später wieder, Josef von Arimathäa, Lydia. Gott gibt manchen viel, anderen weniger. Beides kann Segen sein, beides kann Prüfung sein. Das Problem ist nicht der Wohlstand an sich, sondern die Lehre, dass Wohlstand ein Zeichen von Gottes Gunst und Armut ein Zeichen von Gottes Missfallen ist.

Jesus sagt deutlich: „Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!” (Markus 10,23). Die Jünger waren entsetzt über diese Aussage, weil sie wie viele ihrer Zeitgenossen glaubten, dass Reichtum ein Zeichen göttlichen Segens sei. Doch Jesus korrigiert diese Vorstellung. Reichtum kann ein Hindernis sein, weil er uns verleitet zu vertrauen auf das, was wir haben, statt auf Gott.

Paulus warnt Timotheus: „Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet, und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen” (1. Timotheus 6,9-10).

Das Wohlstandsevangelium predigt genau diese Geldgier, nur in frommem Gewand. Es sagt: Gott will, dass du reich bist. Es ist dein Recht als Kind Gottes. Beanspruche es! Doch die Heilige Schrift sagt: „Die Frömmigkeit aber ist ein großer Gewinn für den, der sich genügen lässt. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum werden wir auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen” (1. Timotheus 6,6-8).

Eine weitere verheerende Folge des Wohlstandsevangeliums ist die Verzerrung der Mission der Kirche. Die Kirche ist nicht dazu berufen, Menschen reich und gesund zu machen, sondern sie zur Buße und zum Glauben an Jesus Christus zu rufen. Der Missionsbefehl lautet: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur” (Markus 16,15). Das Evangelium ist die gute Nachricht von der Vergebung der Sünden durch das Kreuz Christi, von der Auferstehung, von der Hoffnung des ewigen Lebens. Es ist nicht die Nachricht von materiellem Wohlstand und körperlicher Gesundheit in diesem Leben.

Wenn die Kirche sich auf das Wohlstandsevangelium konzentriert, verliert sie ihre prophetische Stimme. Sie kann nicht mehr die Ungerechtigkeit dieser Welt anklagen, weil sie selbst Teil des Systems geworden ist. Sie kann nicht mehr den Armen und Leidenden beistehen, weil sie ihnen implizit die Schuld für ihre Situation gibt. Sie kann nicht mehr das Kreuz predigen, weil das Kreuz eine Botschaft der Schwachheit und des Leidens ist, die nicht zur Erfolgsmentalität des Wohlstandsevangeliums passt.

Luther hat in seiner Heidelberger Disputation zwischen einer Theologie der Herrlichkeit und einer Theologie des Kreuzes unterschieden. Die Theologie der Herrlichkeit sucht Gott in Macht, Erfolg und sichtbarer Herrlichkeit. Die Theologie des Kreuzes erkennt Gott im Verborgenen, im Leiden, in der Schwachheit. Das Wohlstandsevangelium ist eine moderne Form der Theologie der Herrlichkeit. Es lehnt das Kreuz ab zugunsten einer Krone, die es jetzt schon zu tragen behauptet.

Doch die Krone kommt später. Paulus schreibt: „Habe ich den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort ist mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tage geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben” (2. Timotheus 4,7-8). Die Krone wartet am Ende des Laufs, nicht am Anfang. Jetzt ist die Zeit des Kampfes, der Treue, des Ausharrens.

Was sollen wir also denen sagen, die unter Krankheit leiden, unter finanziellen Nöten, unter Ängsten und Süchten? Sollen wir ihnen sagen, dass Gott gleichgültig ist gegenüber ihrem Leiden? Dass er nicht heilen kann oder will? Nein, gewiss nicht. Gott ist ein Gott der Heilung, ein Gott des Trostes, ein Gott, der eingreifen kann und manchmal auf wunderbare Weise eingreift. Wir dürfen und sollen zu ihm beten, ihm unsere Nöte bringen, ihn um Hilfe anflehen.

Aber wir müssen ehrlich sein über das, was die Heilige Schrift verheißt und was nicht. Die Heilige Schrift verheißt nicht, dass jeder Gläubige in diesem Leben gesund und wohlhabend sein wird. Sie verheißt aber, dass Gott bei uns ist in unseren Leiden, dass er uns nicht verlässt, dass seine Gnade ausreicht. Sie verheißt, dass am Ende, in der Auferstehung, alle Tränen abgewischt werden, alle Schmerzen enden, alle Ungerechtigkeit ein Ende hat. „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen” (Offenbarung 21,4).

Das ist unsere Hoffnung. Nicht ein schmerzfreies Leben jetzt, sondern ein verherrlichtes Leben dann. Nicht Reichtum in dieser vergänglichen Welt, sondern ein unvergängliches Erbe im Himmel. Petrus schreibt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch” (1. Petrus 1,3-4).

Diese Hoffnung macht uns nicht gleichgültig gegenüber dem Leiden in dieser Welt. Im Gegenteil. Gerade weil wir wissen, dass diese Welt nicht alles ist, können wir uns voll in sie hineingeben. Wir können den Kranken dienen, ohne verzweifelt sein zu müssen, wenn nicht alle geheilt werden. Wir können den Armen helfen, ohne zu glauben, dass wir das Reich Gottes durch soziale Programme herbeiführen können. Wir können gegen Ungerechtigkeit kämpfen, ohne zu denken, dass wir den Himmel auf Erden errichten können.

Und wenn wir selbst leiden, wenn die Heilung ausbleibt, wenn die finanzielle Not nicht endet, wenn die Angst nicht verschwindet, dann dürfen wir ehrlich sein vor Gott. Wir dürfen klagen wie Hiob, wie die Psalmisten, wie Jesus selbst am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” (Matthäus 27,46). Gott ist groß genug für unsere Klagen, für unsere Zweifel, für unsere Fragen. Er verlangt nicht, dass wir so tun, als wäre alles gut, wenn es nicht gut ist.

Aber mitten in der Klage dürfen wir festhalten an dem, was wir wissen: dass Gott gut ist, dass er uns liebt, dass er das größte Opfer gebracht hat, um uns zu retten. Das Kreuz ist der unwiderlegbare Beweis seiner Liebe. Paulus schreibt: „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?” (Römer 8,32). Wenn Gott bereit war, seinen Sohn für uns zu geben, dann können wir darauf vertrauen, dass er uns nicht verlassen wird, auch wenn die Umstände dagegen zu sprechen scheinen.

Das Wohlstandsevangelium ist letztlich eine Flucht vor dem Kreuz, vor der harten Realität des Lebens in einer gefallenen Welt. Es verspricht einen Weg, der am Leiden vorbeiführt. Doch die Heilige Schrift zeigt uns, dass der Weg zum Himmel durch das Leiden hindurchführt. „Durch viele Bedrängnisse müssen wir in das Reich Gottes eingehen”, sagen Paulus und Barnabas zu den neuen Gläubigen (Apostelgeschichte 14,22). Das ist keine pessimistische Botschaft, sondern eine realistische. Es bereitet uns vor, gibt uns die richtige Erwartung, bewahrt uns vor der Enttäuschung, die kommt, wenn die falschen Versprechungen des Wohlstandsevangeliums nicht erfüllt werden.

Die wahre Verheißung des Evangeliums ist nicht Wohlstand und Gesundheit, sondern Versöhnung mit Gott, Vergebung der Sünden, innerer Friede und ewiges Leben.

Diese Verheißungen sind unendlich wertvoller als alles, was diese Welt bieten kann. Sie werden niemals enttäuschen, niemals verfallen, niemals geraubt werden können. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn” (Römer 8,38-39).

Das ist die Botschaft, die wir predigen müssen: nicht ein schmerzfreies Leben jetzt, sondern eine unzerstörbare Hoffnung. Nicht Reichtum, der vergeht, sondern einen Schatz, der ewig bleibt. Nicht Heilung, die temporär ist, sondern eine Auferstehung zu einem verherrlichten Leben. Christus ins Zentrum zu stellen bedeutet, das Kreuz zu predigen in all seiner Härte und Herrlichkeit. Es bedeutet, ehrlich zu sein über die Kosten der Nachfolge und gleichzeitig überwältigt zu sein von der Größe der Gnade.

Wenn du Jesus hast, sind nicht alle Sorgen vorbei. Aber du hast jemanden, der mit dir durch die Sorgen geht. Die gesundheitlichen Probleme verschwinden nicht automatisch. Aber du hast einen Arzt, der letztlich alle Krankheiten heilen wird. Die Geldsorgen lösen sich nicht in Luft auf. Aber du hast einen Vater, der für dich sorgt und der weiß, was du brauchst. Die Süchte brechen nicht von selbst. Aber du hast eine Kraft, die größer ist als deine Schwachheit. Die Ängste und Panikattacken enden nicht sofort. Aber du hast einen Frieden, der höher ist als alle Vernunft, der dein Herz bewahrt in Christus Jesus.

Das ist die wahre, die ehrliche, die biblische Botschaft. Sie ist nicht so verführerisch wie das Wohlstandsevangelium. Sie zieht keine Massen. Sie füllt keine Stadien. Sie bringt keine Millionen ein. Aber sie ist wahr. Und am Ende ist nur die Wahrheit, die frei macht.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Er führe dich durch das Tal der Tränen und geleite dich sicher ans Ziel. Er stärke deinen Glauben in der Anfechtung und lasse dich nicht los in der Dunkelheit. Er bewahre deine Hoffnung fest bis ans Ende und schenke dir die Krone des Lebens, die er allen verheißen hat, die ihn lieb haben.

Soli Deo Gloria – Ihm allein sei die Ehre. Amen.

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